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Gastbeiträge


   

Regina Thumser
Linzer „Judenhäuser“

Der „Gau Oberdonau“ sollte als „Heimatgau des Führers“ nach dem „Anschluss“ vor allem auf Betreiben Gauleiter August Eigrubers möglichst rasch „judenrein“ werden. So wurde jüdischen BürgerInnen – neben anderen Maßnahmen der Entrechtung und Beraubung – bereits ab dem Juni 1938 „nahe gelegt“, nach Wien zu übersiedeln bzw. Österreich zu verlassen. Geschäfte, Wohnungen und Häuser wurden kurzerhand „arisiert“ und ihre BewohnerInnen standen oftmals innerhalb von 24 Stunden auf der Straße, mussten bei Freunden und Verwandten Unterschlupf finden oder wurden von den NS-Behörden bestimmten Wohnungen zugewiesen. Oftmals fand die Delogierung nach der Verhaftung der Männer statt, sodass ältere Frauen und Frauen mit kleinen Kindern besonders betroffen waren. Eine „gesetzliche“ Basis für die „Umsiedlung“ gab es nicht; eine solche wurde erst mit der Verordnung über die „Durchführung des Gesetzes über Mietverhältnisse mit Juden vom 30. April 1939“ festgeschrieben. Hier heißt es unter Punkt vier, „dass die Juden in bestimmten Häusern – gegebenenfalls zwangsweise – zusammengefasst werden sollen. Darüber wird sich die Gemeindebehörde […] schlüssig werden müssen, welche der heute noch in jüdischem Eigentum stehenden Häuser für die Unterbringung jüdischer Familien in Anspruch genommen werden sollen“. Weiters sollten „zunächst zweckmäßig solche in jüdischem Eigentum stehende Häuser bevorzugt zu Judenwohnungen bestimmt werden, die heute bereits überwiegend von Juden bewohnt werden“. Eine „Ghettobildung“ sei allerdings nicht erwünscht.

Das unfreiwillige Zusammenrücken in privaten jüdischen Haushalten und Unterkünften der Linzer Kultusgemeinde – in Sammelwohnungen und sogenannten „Judenhäusern“ – begann in „Oberdonau“ bereits ein Jahr zuvor und soll im Folgenden exemplarisch dargestellt werden. Die Mitglieder der Familie Eichner, die Brüder Walter und Bruno Eichner mit ihren Frauen und Kindern sowie Olga Eichner, fanden nach dem „Anschluss“ in der Wohnung ihrer Schwägerin und Schwester Paula Hauptschein im zweiten Stock des Hauses Landstraße 21 Unterschlupf. Hauptschein betrieb dort bis zu ihrer Auswanderung in einem Zimmer ihrer Wohnung eine Schneiderwerkstätte. Die Familie Basch nahm mehrere Betroffene auf, so auch die Familie Schwager. Dr. Karl Schwager war Rechtsanwalt und, wie sein Vater Benedikt, Präsident der Kultusgemeinde. Er wurde bereits am 18. März 1938 in „Schutzhaft“ genommen. Seine Frau, die mit dem sechzehnjährigen Sohn aus erster Ehe und einem fünf Monate alten Baby plötzlich alleine dastand, wurde der Wohnung verwiesen: „Der Familie Dr. Schwager, die obdachlos geworden war, räumten wir“, so Egon Basch, „durch mehrere Wochen unser Fremdenzimmer ein. Begeistert über die rasche Hilfe, schrieb er [Karl Schwager] in unser Gästebuch: ‚In schwerster Lage fanden wir im Hause Basch freundliches Quartier – aber noch mehr: Freundschaft! Als Dank können wir nicht mehr sagen als den Wunsch: Alle Sorgen mögen bald verflogen sein, sodass unsere lieben Hausherrnleute in Zukunft ihre Gastlichkeit und Freundschaft doppelt und dreifach üben können.‘“ Der Familie Schwager folgte das Ehepaar Oskar und Olga May nach, und schließlich lebte – vor ihrer Auswanderung nach Buenos Aires – die Hausherrnfamilie mit den beiden Kindern selbst zusammengedrängt in ihrem eigenen Gästezimmer in der Bismarckstraße 3. Neben privaten Unterkünften wurden aber auch die im Besitz der Linzer Kultusgemeinde stehenden Gebäude als Notunterkünfte in Anspruch genommen, wie etwa das Haus Schubertstraße 29, das 1930 als Spende der „Samuel und Fanni Stern-Stiftung“ an die Kultusgemeinde übergegangen war. Im Haus betrieb Richard Schlesinger bis 1938 das Färbergewerbe und eine chemische Reinigung. Schlesinger hatte dem Ehepaar Max und Mizzi Ornstein, deren Besitz in Enns „arisiert“ wurde, einige Räume untervermietet. Die Brüder Julius Erle und Siegfried Erle mit seiner Frau Fanny übersiedelten ebenfalls an diese Adresse. Weiters wohnten hier Schlesingers Mutter Hermine und seine Ehefrau Olga sowie die Tanzpädagogin Edith Wilensky. Auch Moritz Mandel, Kantor, Religionslehrer und ab 1936 Schächter der Kultusgemeinde, lebte mit seiner Frau Gisella und den beiden Kindern im Haus. Die 1929 geborene Tochter Helene konnte in Sicherheit gebracht werden. Gisella Mandel und der 1936 in Linz geborene Sohn Georg waren vor ihrer „Umsiedlung“ nach Wien noch im Gemeindehaus der Linzer Kultusgemeinde in der Bethlehemstraße 26 gemeldet. Sie wurden am 9. Oktober 1942 von Wien aus zunächst nach Theresienstadt und am 18. Mai 1944 nach Auschwitz deportiert. Das Schicksal von Moritz Mandel ist nicht dokumentiert.


Das Gemeindehaus in der Bethlehemstraße diente den Linzer Juden nach dem „Anschluss“ als „offizielles“ Asyl und war mit mehreren Familien belegt. Zum Zeitpunkt der „Volks-, Berufs- und Betriebszählung“ vom 17. Mai 1939 wohnten dort 17 Personen, darunter drei Familien mit fünf Kindern im Alter zwischen sechs und 17 Jahren. Einige von ihnen waren nach „Arisierung“ und Übergabe des Hauses an die Reichspostdirektion, im Mai/Juni 1939, noch im Haus Altstadt Nr. 3 gemeldet. Mit 8. Februar 1939 war der Kultusgemeinde Linz dort eine Wohnung und ein Erkerzimmer zugewiesen worden. Im ersten Stock des Hauses lebten bis zu vierzehn delogierte jüdische Familien.
Das Haus stand seit 1896 im Besitz der Familie Töpfer. 1938 wurde das zunächst von Johanna, später von ihrem Sohn Ernst Töpfer, betriebene Antiquitätengeschäft „arisiert“. Während ein Teil der Familie nach dem „Anschluss“ nach Wien übersiedelte, flüchtete der 1852 geborene Vater Josef zu einer seiner Töchter nach Königgrätz und wurde von dort am 21. Dezember 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo er wenige Tage später starb. Ernst Töpfer war bis zu seiner Emigration in Dachau inhaftiert.
Klara und Leo Nalos zogen mit ihren Kindern Margit und Herbert nach Verlust ihrer Wohnung in der Klammstraße in die Altstadt 3. Im Zuge der Ereignisse um die Reichspogromnacht wurde Leo Nalos verhaftet; er konnte nach seiner Freilassung in Wien untertauchen. Seine Familie verließ Linz einige Tage nach dem Pogrom, um sich einem illegalen Palästina-Transport anzuschließen. Auf dem Schiff traf sie durch Zufall wieder mit dem Vater zusammen. Im Herbst 1938 übersiedelten Otto Unger, der spätere Nachfolger von Max Hirschfeld als Vertreter der Kultusgemeinde, mit Ehefrau Margarethe und seiner Mutter Anna ins Töpferhaus. Anna Unger beging im September 1942 wegen drohender Deportation Selbstmord. Sohn und Schwiegertochter wurden am 25. Mai 1943 von Wien nach Theresienstadt und am 6. September 1943 von dort nach Auschwitz verbracht und ermordet. Vorübergehend fanden im Töpferhaus unter anderem noch Philipp Schwartz, der in der Baumbachstraße gewohnt und in der Walterstraße eine Tapeziererei betrieben hatte, und Leo Spieler Unterschlupf. Während ihr Schicksal ungeklärt ist, konnte Samuel Hirschfeld, ein Bruder Max Hirschfelds, nach kurzem Aufenthalt im Töpferhaus nach Palästina emigrieren. Er war zuvor – ab Juli 1938 – u.a. im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert gewesen. Einige der Männer kamen nach ihrer Freilassung wieder nach Linz zurück. Konnten sie die Auflage, in einer bestimmten Zeit das Land zu verlassen, nicht erfüllen, saßen sie in Linz fest und wurden nach Wien abgeschoben, so auch der Rechtsanwalt Karl Czerwenka. Er wurde am 12. Juli 1938 in „Schutzhaft“ genommen. Nach seiner Freilassung wohnte er im Töpferhaus und wurde gegen Mitte April 1939 nach Wien gebracht. Von dort wurde er ins „Arbeitslager Traunkirchen“ verschleppt und als Zwangsarbeiter im Straßenbau eingesetzt. Gemäß einem Bericht der Gestapo sei Czerwenka am 6. November 1941 nach „Polen ausgewandert“. Eine weitere Quelle berichtet von Czerwenkas Deportation nach Litzmannstadt am 28. Oktober 1941, wo er am 1. Juni 1942 ermordet wurde. Im Haus Altstadt 3 blieb bis nach Kriegsende Fanny Erle wohnen. Sie hatte sich als „Arierin“, um der drohenden Delogierung zu entgehen, von ihrem Mann Siegfried scheiden lassen. Noch während des laufenden Scheidungsverfahrens übersiedelte das Ehepaar gemeinsam mit dem Bruder Julius Erle ins Töpferhaus. Die Brüder wurden aber kurz darauf, Mitte Juni 1939, nach Wien gebracht. Siegfried Erle wurde am 9. Juni 1942 nach Maly Trostinec deportiert, wo er am 15. Juni ermordet wurde, sein Bruder Julius wurde am 19. Februar 1941 nach Kielce deportiert.

Quellen:
URL, www.doew.at/ausstellung/shoahopferdb.html
Daniela Ellmauer u. Regina Thumser: „Arisierungen“, Beschlagnahmte Vermögen, Rückstellungen und Entschädigungen in Oberösterreich. (Veröffentlichungen der Österreichischen Historikerkommission. Vermögensentzug während der NS-Zeit sowie Rückstellungen und Entschädigungen seit 1945 in Österreich, 17/1) Wien/München 2004, 201-500.
Brigitte Hamann: Hitlers Edeljude. Das Leben des Armenarztes Eduard Bloch. München 2008.
Micha Shagrir: Bischofstraße, Linz. Dokumentarfilm. Israel/Österreich 2006.
Verena Wagner: Jüdisches Leben in Linz 1849-1943. 2 Bände. Linz 2008.

Regina Thumser, Univ. Ass. Dr., Institut für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte der Johannes Kepler Universität Linz