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Gastbeiträge


   

Hermann Rafetseder:
Mosaiksteine zu „In Situ“ aus Forschungsarbeiten für den  Österreichischen Versöhnungsfonds

„NS-Zwangsarbeitsschicksale. Erkenntnisse zu Erscheinungsformen der Oppression und zum NS-Lagersystem aus der Arbeit des Österreichischen Versöhnungsfonds“ – so eine vom Schreiber dieser Zeilen, seines Zeichens 2001 bis 2005 Historiker des Versöhnungsfonds, 2007 praktisch druckfertig abgegebene 706-Seiten-Studie. Diese Studie blieb dann aus „Datenschutzgründen“ wegen der darin enthaltenen Masse von Aktenzahlen unveröffentlicht und muss leider noch für längere Zeit unter Verschluss bleiben.

 

In dieser Versöhnungsfonds-Dokumentation habe ich als Linzer natürlich gerade aus Linz etliche Beispiele gebracht, die auch zum In-Situ-Projekt passen. Einige einschlägige topographische Beispiele zur Lage von ZwangsarbeiterInnen in Linz seien daher hier dargestellt (zitiert nach der entsprechenden Seitenzahl in der erwähnten unveröffentlichten Studie).

 

Gallanderstraße 1a, Wohnung des Schiffswerft-Arbeiters Josef (Haus noch in damaliger Form erhalten) (S. 279):  Eine Halb-Sintizza (in rassistischer Nazi-Diktion „Zigeunermischling“) aus Norddeutschland war mit einer Zirkustruppe auf der Flucht Richtung Süden in Kärnten gestrandet. Im Herbst 1944 floh sie mit ihrer damals zweijährigen Tochter Christa nach Linz und war zwei Monate lang in einer Wohnanlage für Schiffswerft-Bedienstete versteckt. Länger war das in der Großstadt ohne zusätzliche Lebensmittelmarken nicht möglich, weshalb sie nach Ottensheim mussten. Dort wurden sie denunziert. Die Mutter „sollte aus diesem Grunde in ein KZ verbracht werden. Als sie sich mit einer Sterilisation einverstanden erklärte, wurde hiervon Abstand genommen. Die Sterilisation fand am 16. 1. 1945 in Linz statt“ – so in den 1960er Jahren die Darstellung des Sachverhalts durch eine deutsche Entschädigungs-Behörde, wobei „Linz“ für Jänner 1945 anscheinend die Frauenklinik-Ausweiche Bad Hall meinte.

 

Linzer Straße 1 und 3, Wäschereien Schöllhammer bzw.  Gstöttenmayr (beide damaligen Bauten nicht mehr erhalten) (S. 414): Im Haus Linzer Straße 1 arbeitete von März 1942 bis Mai 1945 die 1920 geborene Polin Helena (später Nonne); sie berichtete bei der Antragstellung über das Bügeln dicker Mäntel und Jacken, vielleicht Uniformen. Ein Arbeitskollege in derselben Wäscherei war ihr 1922 geborener Landsmann Mieczyslaw, offenbar vom Firmeninhaber Schöllhammer gleichzeitig mit Helena vom Quasi-„Sklavenmarkt“ am Linzer Hauptbahnhof abgeholt. Im selben Betrieb war ab Juli 1943 bis Kriegsende auch die 1926 geborene Ukrainerin Ganna (Hanna). Beim Konkurrenzbetrieb Gstöttenmayr im Nachbarhaus, Linzer Straße 3, waren ab 1942 eine 1900 geborene Polin und ihr 1927 geborener Sohn Michael zwangseingesetzt.

 

St. Magdalena 21 (später Maderleithnerweg 39, jetzt „Mostbauer z' Linz“) (S. 414 und 536): Der 1919 geborene Pole Alfred war ab September 1941 bei einem Bauern in Ruprechtshofen (Machland) zwangseingesetzt. Er wurde im Juli 1942 durch ein aus heutiger Sicht unrechtmäßiges Linzer Gerichtsurteil zu „sechs Monaten Straflager“ verurteilt, die er in Göllersdorf verbüßte. Danach musste er noch  von Februar 1943 bis Kriegsende Zwangsarbeit am Möderlgut in St. Magdalena 21 leisten. Dort wurde er anscheinend relativ gut behandelt, da er immerhin bis Juli 1945 dort arbeitete, also zwei Monate über das Kriegs- bzw. eigentliches Zwangsarbeitsende hinaus.

 

Landestheater Linz, Promenade: Auch hier waren in der NS-Zeit ZwangsarbeiterInnen eingesetzt, so etwa beim Kulissen-Anfertigen von Juli 1943 bis zur Theaterschließung September 1944 der zwangsweise zum Arbeitsdienst verpflichtete Franzose Marcel, geboren 1922; davor war er bereits bei den Göringwerken gewesen, danach war er für einige Zeit bei der Brau AG, anschließend beim „Südostwallbau“ an der ungarischen Grenze, dann bis Kriegsende wieder in Linz bei der Reichsbahn.

 

Es gab auch Dutzende AntragstellerInnen des Versöhnungsfonds, die bei der Antragstellung in Linz wohnten, zum Teil gebürtige Einheimische, zum Teil aber auch zwangsweise in die „Ostmark“ Deportierte, die nach Kriegsende in Österreich blieben. Daraus ergäbe sich hinsichtlich aktueller Adressen eine Art Geheim-In-Situ, das aus Datenschutzgründen natürlich nur ein Gedankenspiel bleiben muss. Von den „DableiberInnen“ waren einige zur NS-Zeit in Linz zwangseingesetzt: So etwa eine 1923 geborene Ukrainerin, die gemeinsam mit ihrer 1904 geborener Mutter und ihrer 1926 geborenen Schwester in einem hier ausnahmsweise ungenannt bleibenden Urfahraner Gasthaus von Mai 1943 bis Kriegsende sehr schlecht behandelt wurde (die Mutter starb 1965, die Schwester emigrierte nach Kriegsende in die Niederlande).

 

Ebenfalls in Linz blieb eine 1921 geborene Russin (auch hier ist aus Datenschutzgründen der eventuell verräterische Vorname weggelassen): Sie war ab 1940 längere Zeit im Durchgangslager Bindermichl zwangseingesetzt (etwa im heutigen Bereich Ramsauerstraße 129-143), und arbeitete dann von Dezember 1942 bis Februar 1945 zwangsweise als Küchenhilfe im Petrinum für das damals dort residierende Landesarbeitsamt; anschließend war sie noch als Küchenhilfe bei einer Linzer Baufirma zwangseingesetzt (diese beiden „DableiberInnen“-Fälle werden in der eingangs erwähnten, unveröffentlichten Dokumentation auf S. 105 behandelt).

Dr. Hermann Rafetseder, Historiker und Familienforscher, 2001-2005 Historiker des Österreichischen Versöhnungsfonds