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Gastbeiträge


   

Eleonore Lappin
Tarnname „Linz“

Im März 1944 okkupierte die Deutsche Wehrmacht Ungarn. Mit Hilfe der ungarischen Regierung und Gendarmerie gelang es dem „Sondereinsatzkommando der Sicherheitspolizei und des SD – Ungarn“ (SEK), einer Gruppe von Deportationsexperten unter der Leitung von Adolf Eichmann, zwischen dem 15. Mai und dem 9. Juli 1944 mehr als 430.000 Jüdinnen und Juden nach Auschwitz zu deportieren, wo drei Viertel sofort vergast wurden.
Einige Züge mit etwa 16.000 ungarisch-jüdischen Männern, Frauen und Kindern wurden im Mai und Juni 1944 nach Gänserndorf und Strasshof an der Nordbahn umgeleitet. Diese Menschen waren zur Zwangsarbeit in den Gauen Niederdonau und Groß-Wien bestimmt. Das Gauarbeitsamt vermittelte Gruppen von ungarisch-jüdischen Familien an Bauern, Forstämter, Gemeinden, die Organisation Todt, Industrie- und Gewerbetriebe, wo sie bei völlig unzureichender Ernährung schwere Arbeiten leisten mussten. Auch Kinder ab zehn Jahren und alte Menschen wurden zu Schwerarbeiten herangezogen.1 Ihre Löhne kassierte ein im Juli in Wien eingerichtetes Außenkommando von Eichmanns SEK. Mitarbeiter/innen des Ältestenrats der Wiener Juden, der Nachfolgeorganisation der Israelitischen Kultusgemeinde, wurden sowohl zur Verwaltung des Arbeitseinsatzes als auch zur medizinischen Betreuung und Fürsorge der ungarisch-jüdischen Deportierten herangezogen.
Die Arbeitgeber erhielten sowohl vom Präsidenten des Gauarbeitsamts und Reichstreuhänder der Arbeit für Niederdonau, Alfred Proksch, also auch von Hermann Krumey, dem Leiter des Wiener Außenkommandos des SEK, genaue Instruktionen bezüglich der Behandlung ihrer jüdischen ArbeitssklavInnen.2 Ein ehemaliger Mitarbeiter des Ältestenrats, der für die Verwaltung des Zwangsarbeitseinsatzes zuständig war, fasste nach dem Krieg die Kernaussage dieser Anordnung zusammen: „Die über diese Juden geführten Karteiblätter […] waren alle mit rotem KZ versehen. […] Den betreffenden Firmen wurde ausdrücklich gesagt, dass sämtliche dieser ungarischen Juden ,Schutzhäftlinge‘ seien und als solche zu behandeln wären.“3 Obwohl für den Fall, dass ihre Arbeitskraft nicht mehr gebraucht wurde, über allen ungarischen Juden das Damoklesschwert der Verbringung in ein KZ schwebte, diente die Drohung damit auch als ein wichtiges Disziplinierungsmittel während des Arbeitseinsatzes. Konzentrationslager waren für die Zwangsarbeiter/innen Orte des Schreckens, obwohl die meisten nicht wussten, dass die Mehrzahl ihrer Verwandten nach Auschwitz deportiert und dort bereits ermordet worden war. Die Nationalsozialisten drohten mit KZ, ohne den Deportierten die volle Wahrheit zu sagen, da diese sie möglicherweise doch noch zu widerständigem Handeln bewogen hätte.
Als sich die Rote Armee im Frühjahr 1945 der österreichischen Grenze näherte, wollten die nationalsozialistischen Befehlshaber verhindern, dass die Juden lebend in die Hände des Feindes fielen. Etwa 2.600 Arbeiter/innen wurden nach Theresienstadt deportiert, die überwiegende Mehrheit jedoch nach Mauthausen und von dort weiter nach Gunskirchen verbracht. Bei diesen Deportationen vermieden die Nationalsozialisten jedoch die Nennung der Konzentrationslager Mauthausen oder Theresienstadt. Deportierte nach Theresienstadt konnten ihren Zielort erst an den Waggons ihrer Züge ablesen. Gegenüber Arbeitgebern und Wachmannschaften sprachen die zuständigen NS-Behörden meist von einem Abzug „in den Westen“, um die tatsächlichen Zielorte zu verschleiern.4 Den in Richtung Mauthausen in Marsch gesetzten Jüdinnen und Juden wurde hingegen „Linz“ als Zielort genannt.
Aufgrund von Bombenschäden entlang der Bahnstrecken mussten viele Jüdinnen und Juden einen Teil des Wegs nach Mauthausen zu Fuß zurücklegen. Da nicht ausreichend Wachmannschaften zur Verfügung standen, marschierten immer wieder Gruppen ohne Bewachung und lediglich mit schriftlichen Marschbefehlen ausgerüstet „nach Linz“. In der Regel wurden sie von den örtlichen Gendarmen zu ihrem nächsten Zielort befehligt und telefonisch bei dessen Gendarmerieposten angemeldet, der gegebenenfalls auch für Unterkunft und Verpflegung sorgte.5 Der schriftliche Marschbefehl nach „Linz“ sollte den Juden unterwegs als Nachweis dienen, dass sie keine Flüchtlinge waren. Angesichts der fehlenden Begleitung durch Wachmannschaften war dieser Schutz nicht immer ausreichend. Mitte April griff eine Waffen-SS-Einheit bei Leiben vier oder fünf Juden – darunter eine sechzigjährige Frau, ein zwanzigjähriges Mädchen und ein fünfzigjähriger Mann –, die aus der Richtung Pöggstall und Weitenegg kamen, auf. Obwohl die Juden dem kommandierenden Kompanieführer Paul Anton Reiter „eine Bescheinigung [zeigten], dass sie sich im Sammellager in Linz zu melden haben“,6 befahl Reiter, sie zu erschießen. Das zwanzigjährige „Mädchen konnte nicht verstehen, warum es sterben sollte. Es zeigte ein Diplom aus seiner Studienzeit vor und wies auf Bilder seines ungarischen Verlobten hin, der Soldat war, um irgendwie zu beweisen, dass es doch keine Feindin sei.“7 Dennoch führten vier SS-Männer den Befehl mit erschreckender Grausamkeit durch und ermordeten wenig später eine weitere Gruppe, die auf dem Weg nach „Linz“ war, sodass die Zahl der Opfer schließlich zehn Personen betrug.8
Weniger naiv war der Arzt Dr. Henrik Weisz, der am 7. April aus dem Lager 21, Leopold Ferstl-Gasse verschleppt wurde.9 Sein Transport umfasste ursprünglich 610 Personen, doch blieben immer wieder einzelne Marschunfähige zurück, mindestens ein Mann starb.10 Am 10. April erreichte die Kolonne Krems. Der Transportleiter wollte offenbar das Marschtempo erhöhen und erteilte Dr. Weisz den Auftrag, eine Gruppe Kranker und Schwacher nach „Linz“ zu bringen, während er mit den anderen voranging. Für eine Kontrolle oder Verpflegung der Nachzügler durch die Gendarmerie hatte der Transportleiter nicht gesorgt. „Ich wollte nicht nach Linz gehen,“ schrieb Dr. Weisz wenige Monate nach seiner Befreiung, „da wir gehört hatten, dass damals Menschen dort verhungerten. Mit Hilfe der Gutherzigkeit der österreichischen Bauern überlebten wir.“11
Trotz dieser Befürchtungen musste Dr. Weisz mit seiner Gruppe weiter nach Westen marschieren, um nicht ins Kampfgeschehen zu geraten. Doch er ließ sich Zeit. Zwei Wochen später griff die Gendarmerie ihn und seine Gruppe bei Groisbach auf, das wenig mehr als zwanzig Kilometer von Krems entfernt ist, und überstellte sie ins „Judenauffanglager“ in Hofamt Priel. Unterwegs schloss die Gendarmerie weitere Gruppen an, „die sich in den Dörfern versteckt hatten“.12 Der Status der Nachzügler auf dem Weg nach „Linz“ war unklar. Einige waren tatsächlich Flüchtlinge, andere Nachzügler, die erschöpft zurückgeblieben waren, sowie solche mit Marschbefehlen, die aber nichtsdestoweniger hofften, befreit zu werden, bevor sie „Linz“ erreichten. Die absehbare Befreiung der Insassen des „Judenauffanglagers“ Hofamt Priel ließ neuerlich Angehörige der Waffen-SS aktiv werden. In der Nacht vom 2. auf den 3. Mai ermordete eine unbekannte Einheit der Waffen-SS etwa 220 Insassen des Lagers. Dr. Henrik Weisz war einer von neun Überlebenden des Massakers.

1 Siehe dazu: Eleonore Lappin, Die Deportationen ungarischer Juden nach Theresienstadt, in: DÖW und Institut Theresienstädter Initiative (Hg.), Theresienstädter Gedenkbuch. Österreichische Jüdinnen und Juden in Theresienstadt 1942-1945, Prag 2005, S. 113–145; dies., Susanne Uslu-Pauer, Manfred Wieninger, Ungarische Juden in Niederösterreich 1944/45, in: Eleonore Lappin, Susanne Uslu-Pauer und Manfred Wieninger, Ungarisch-jüdische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in Niederösterreich 1944/45 (= Studien und Forschungen aus dem niederösterreichischen Institut für Landeskunde Band 45, hg. von Willibald Rosner und Reinelde Motz-Linhart), St. Pölten 2006.
2 Anordnung über die Beschäftigung von Juden, 27.6.1944, Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) E 19.829.
3 LG Wien Vg 1b Vr 770/46.
4 Nach dem Krieg nutzten dies Mitglieder der Wachmannschaften und Organisatoren der Verschleppung, um ihre Ahnungslosigkeit zu beteuern. Siehe z.B. LG Wien Vg 5d 6267/47; LG Wien Vg 1b Vr 2092/45.
5 Niederschrift aufgenommen mit Leopold Autich, 1.8.1945, LG Wien Vg 3c Vr 2092/45.
6 Gendarmeriekommando für Niederösterreich, Erhebungsabteilung, Niederschrift aufgenommen mit Karl Ruthner, 16.2.1946, DÖW E 19.288.
7 KG Krems 12 Vr 517/69.
8 Gendarmeriekommando für Niederösterreich, Erhebungsabteilung, Niederschrift aufgenommen mit Karl Ruthner, 16.2.1946, DÖW E 19.288. Aus: Urteil des Schwurgerichts beim LG München I gegen Paul Anton Reiter u.a. wegen Verbrechens des Mordes, 18.4.1967. In: DÖW (Hg.), Widerstand und Verfolgung Niederösterreich, 3. Bd., S. 400.
9 Handschriftliche Aufzeichnungen o.N., o.D. (Henrik Weisz), Holocaust Dokumentationszentrum Budapest (HDKE).
10 Vihar Béla, Sárga Könyy. Aoatok a Magyar Zsidóság Haborus Szenvedéseiból (1941–1945), Budapest 1945, S. 160–162.
11 Ebenda.
12 Ebenda.

Eleonore Lappin, Dr., wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für jüdische Geschichte Österreichs.