English versionDeutsche Version
Search

Gastbeiträge


   

Birgit Kirchmayr
Eisenhandstraße 20: Anna und Edith Wilensky, vertrieben 1938/39

Im Haus Eisenhandstraße 20 wohnten bis 1938 Anna und Edith Wilensky. Als Jüdinnen wurden die beiden Frauen nach dem „Anschluss“ aus Linz vertrieben, 1939 gelang ihnen die Emigration nach England. Anna und Edith Wilensky kehrten nach Ende des Kriegs und der nationalsozialistischen Herrschaft nicht nach Österreich zurück. Ihr ehemaliges Engagement im Linzer Kulturleben der Zwischenkriegszeit wäre wohl weitgehend in Vergessenheit geraten, wenn nicht einzelne Freunde und Freundinnen mit den Vertriebenen in Kontakt geblieben wären.

Es war im Jahr 2007, in der Vorbereitung zur Ausstellung „Kulturhauptstadt des Führers. Kunst und Nationalsozialismus in Linz und Oberösterreich“, als mir der in Linz geborene Publizist und Journalist Peter Huemer die Geschichte seiner „Tante Edith“ erzählte. Es handelte sich um die Geschichte von Edith Wilensky, die ebenso wie Peter Huemers Mutter Herta in der Eisenhandstraße 20 gewohnt hatte und mit dieser lange Jahre befreundet war. Wenn seine Mutter oder die „Tante Edith“ noch leben würden, meinte Huemer, könnten die beiden viel über das Linzer Kulturleben vor 1938 erzählen, denn Edith Wilensky war Tänzerin gewesen und hatte viele Kontakte zu Kulturschaffenden gehabt. Ich wurde hellhörig – von einer Tänzerin aus Linz, noch dazu einer modernen Ausdruckstänzerin im Stil der Grete Wiesenthal, mit Namen Edith Wilensky hatte ich noch nie gehört. Wer waren Edith und ihre Mutter Anna, wer war der schon im Jahr 1914 verstorbene Vater, Julian Wilensky? Welche Rolle spielten sie in Linz vor 1938, welches Schicksal hatten sie und warum kennt ihre Geschichte heute niemand mehr?

Anna Wilensky, geborene Pollak, ist 1882 in Linz geboren. Ihr Vater Jacques Pollak betrieb hier ein Schreibmaschinengeschäft, laut Inserat in der Linzer Tagespost „das erste und älteste Schreibmaschinengeschäft in Oberösterreich“. Der Vater schien auch sonst ein moderner Mann gewesen zu sein, Anna Pollak war die zweite jüdische Schülerin des Mädchen-Lyzeums in der Körnerstraße. Verena Wagner, die sich vor einigen Jahren auf die Suche nach den Spuren der vertriebenen Körner-Schülerinnen gemacht hat – eine Suche, aus der in Folge die erste umfassende Monografie zur Geschichte der Linzer Juden und Jüdinnen entstand –, stieß in ihren Recherchen auch auf die Schülerin Anna Pollak. Anna heiratete schließlich Julian Wilensky, der um die Jahrhundertwende am Linzer Landestheater als Heldentenor engagiert war. 1901 gab Wilensky in Linz den Lohengrin. Zur gleichen Zeit besuchte der jugendliche Adolf Hitler am selben Theater seine ersten Wagner-Aufführungen. Peter Huemer schilderte eine Erinnerung von Wilenskys Frau Anna, in der diese über die Skurrilität sprach, dass ausgerechnet „ein polnischer Jud“ an Hitlers Wagnerbegeisterung beteiligt war. Julian Wilensky starb im Jahr 1914. Sein Sohn Wolfgang starb 1921 im Alter von 17 Jahren an den Folgen der Hungersnot nach dem Ersten Weltkrieg.

Fortan lebten Anna und Edith Wilensky allein in Linz. Anna war als Kultur-Feuilletonistin beim sozialdemokratischen Linzer Tagblatt tätig. Sie gehörte zum engen Kreis der lokalen sozialdemokratischen Kulturbewegung, war unter anderem eng befreundet mit der sozialdemokratischen Dichterin und Komponistin Hedda Wagner. Auch Edith Wilenskys beruflicher Weg war mit Kunst und Kultur verknüpft. Sie wirkte als Tänzerin und betrieb eine eigene Tanz- und Ballettschule. Daneben dürfte sie wohl auch als Klavierlehrerin und Korrepetitorin tätig gewesen sein. Der erste elementare politische Einschnitt für die beiden Frauen war das Jahr 1934, das Verbot der sozialdemokratischen Partei. Als Journalistin einer sozialdemokratischen Zeitung um ihre Existenzgrundlage gebracht, soll sich Annie Wilensky in den Jahren 1934 bis 1938 mit Bridgespielen im Café Traxlmayr finanziell über Wasser gehalten haben. Edith konnte ihre Tanzschule weiterbetreiben, bis in das Jahr 1938.

Am 12. März 1938 verkündete Adolf Hitler vom Balkon des Linzer Rathauses den geplanten „Anschluss“ Österreichs, die ersten Judenverfolgungen, Verhaftungen und wilden „Arisierungen“ folgten noch in derselben Nacht. Über Anna und Edith Wilenskys Erlebnissen in den nächsten Monaten wissen wir wenig. Die Forschungen von Verena Wagner brachten zutage, dass Edith und Anna offenbar noch bis 1939 im der Propaganda nach bereits längst „judenfreien“ Linz lebten. 1939 scheint zumindest Edith Wilensky im Haus Schubertstraße 29, dem Haus der Kultusgemeinde, gewohnt zu haben. Hedda Wagner spricht vom endgültigen Abschied im Juli 1939. „Mein Lieb, nun muss ich wandern ...“ – die Trennung von ihrer Freundin Anna hielt Hedda Wagner in einem Lied fest. Anna und Edith Wilensky hatten „Glück“ – es gelang ihnen, als Haushälterinnen für eine englische Adelsfamilie nach England auszuwandern und dort auch leidlich Fuß zu fassen.

Als für das „alberne Oberdonau“, wie Anna Wilensky es in einem Brief an den Nachkriegsbürgermeister Ernst Koref formulierte, das Ende gekommen war, konnten Anna und Edith wieder Kontakt zu ihren Linzer Freunden und Freundinnen aufnehmen, zu Menschen, die der antisemitischen Propaganda der Nazis gegenüber immun geblieben waren. Eine Rückkehr war vor allem für die jüngere Edith Wilensky dennoch ausgeschlossen, nie wieder könne sie österreichischen Kindern Unterricht geben, meinte sie gegenüber ihrer Freundin Herta Huemer. Und somit blieb es bei Besuchen – Besuchen der Linzer Freunde in Malvern Link in England, wodurch der junge Peter Huemer zu einem Ferienjob bei einem englischen Earl kam, und zu Besuchen von Anna und Edith in Linz. Annas Todesdatum ist unbekannt, Edith Wilensky starb 1976 in England, kurz nachdem ihr letzter Brief an die Linzer Freundin Herta Huemer eingetroffen ist. Ein Brief, der in Englisch verfasst worden ist, wie alle Briefe der vertriebenen Linzerin.

Der überraschende Einblick, den mir Peter Huemer in die Geschichte der Familie Wilensky vermittelt hat, hat mich tief beeindruckt und vorgeführt, wie die vor siebzig Jahren erfolgte Vertreibung der Linzer Juden und Jüdinnen auch deren Spuren ausgelöscht und dem Linzer Gedächtnis entrissen hat. Peter Huemer hat seine Erinnerungen, seine Dokumente und Fotos für die Ausstellung „Kulturhauptstadt des Führers. Kunst und Nationalsozialismus in Linz und Oberösterreich“ im Linzer Schlossmuseum zur Verfügung gestellt. Noch vor Ausstellungseröffnung hat auch Verena Wagner ihren Forschungsband zum jüdischen Leben in Linz veröffentlicht, in dem neben vielen anderen auch die Geschichte der Familie Wilensky erzählt wird – ein Schritt, Anna und Edith Wilensky dem Vergessen zu entreißen.

Literatur und Quellen:
Peter Huemer: Wagner und Wilensky. Linz und Malvern Link. Hitler. Erinnerungen an eine Linzer Künstlerfamilie. In: Birgit Kirchmayr (Hg.): Kulturhauptstadt des Führers. Kunst und Nationalsozialismus in Linz und Oberösterreich. Linz 2008.
Verena Wagner: Jüdisches Leben in Linz. 1849-1943. 2 Bde. Linz 2008, S. 1393-1407.
Archiv der Stadt Linz, Nachlass Hedda Wagner, Briefwechsel mit Anna Wilensky.
Privatarchiv Peter Huemer, Dokumente und Fotografien.

Birgit Kirchmayr, Univ. Ass. Dr. phil., Institut für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte der Johannes Kepler Universität Linz. Kuratorin der Ausstellung „Kulturhauptstadt des Führers. Kunst und Nationalsozialismus in Linz und Oberösterreich“ in Kooperation mit Linz 2009.