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Gastbeiträge


   

Gabriella Hauch
Ursulinenhof: Margarete Smolan und Franz Jägerstätter

Die Geschichte des Gebäudekomplexes Ursulinenhof zu erforschen, bildete im Jahre 1992 meinen Part im Projekt „Speicher. Versuche zur Darstellbarkeit von Geschichte/n“ des OK. Centrum für Gegenwartskunst in Oberösterreich. ¹  Während sich zwölf Künstler und Künstlerinnen in residence mit der Thematik auseinandersetzten, widmete ich mich dem Gedächtnis des Ausstellungsortes selbst. Ich bin weder in Linz geboren noch hier aufgewachsen und hatte keine Bilder im Kopf, was dieses Haus gewesen sei, wer darin gearbeitet und gelebt hätte, welche Bedeutung dem Haus eingeschrieben ist. Nie war ich in Linz mit den großen und kleinen Geschichten und Gerüchten konfrontiert, die Zugehörigkeit und Heimatgefühl vermitteln. Ich hatte kein Alltagswissen über Organisation und Funktionieren der Stadt, war nicht in das „kollektive Gedächtnis“ von Linz einbezogen, aber nun beauftragt, das „historische Gedächtnis“ dieses als „Gedächtnisort“ definierten Hauses zu rekonstruieren.
Eine spannende Reise begann: Von der Niederlassung der Ursulinen im 17. Jahrhundert in Linz samt Mädchenschule, in den 1920er Jahren mit Montessori-Klassen, zum Ausbruch des Bürgerkrieges am 12. Februar 1934, als katholische Heimwehr und Bundesheer die Parteizentrale der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei – gegenüber in der Landstraße situiert – stürmten bis zur literarischen Reflexion des Internatsalltags durch die Schriftstellerin Marlen Haushofer. Die Machtübernahme des Nationalsozialismus 1938 bedeutete das Ende des Frauenhauses Ursulinenkloster und den Einzug des Wehrmachtskommandos XVII samt dem Umbau der Klosterräume zu Gefängniszellen. Die zehn verbliebenen Schwestern versorgten die Wehrmachtsangehörigen.

Resistent: Margarete Smolan, Ordensschwester Kamilla

Am 10. Dezember 1940 meldete der Gefreite Dr. Ludwig Pramer dem Gericht der Wehrmachtsdivision Nr. 187, dass er um 14 Uhr eine ihm „unbekannte Klosterschwester“ beobachtet hatte, wie sie aus dem 1. Stock des Ursulinenklosters ein in „Zeitungspapier gewickeltes Paket den unter dem Fenster arbeitenden Kriegsgefangenen zugeworfen hat“. Einer fing es auf und verschwand damit im Kohlenkeller, dem heutigen Moviemento-Kino. Pramer durchsuchte daraufhin gemeinsam mit Unteroffizier Fuchs und Gefreiten König den Keller. In einer Kiste wurden sie fündig: ein Paar neuer Wollstrümpfe in Zeitungspapier eingwickelt. Die Anzeige traf am folgenden Tag bei der Linzer GESTAPO, heute Kolpinghaus, ein. Als Kriegsgefangener wurde der 20-jährige Franzose Roger Bezard ausgeforscht, als Klosterschwester Margarete Smolan, Ordensname Schwester Kamilla, geboren am 26. Juni 1907 in Wiener Neustadt. Die 33-jährige leugnete nicht.
Am 10. Dezember, einem äußerst kalten Wintertag, beobachtete sie von ihrem Fenster aus barfuss arbeitende Kriegsgefangene. Einem schien besonders kalt zu sein, worauf sie „aus reinem menschlichen Mitleid“ in ihre Kammer eilte, ein Paar Schafwollsocken holte, in Zeitungspapier eingewickelte und hinunterwarf. Schwester Kamilla hatte gewusst, dass jeglicher Umgang mit Kriegsgefangenen – der nicht durch ein bestehendes Arbeits- oder Dienstverhältnis zwangsläufig bedingt ist – verboten war. Am 19. Februar 1941 fand die Hauptverhandlung beim Landgericht Linz statt. Sie dauerte von 11 Uhr bis 11 Uhr 15. Der Einzelrichter, Landesgerichtsdirektor Dr. Angerer gab dem Antrag des Staatswaltes Dr. Rupp statt und verurteilte Margarete Smolan zu vier Wochen Haft. „Mildernd: das Geständnis des Tatsächlichen, die Unbescholtenheit, das wenn auch unangebrachte menschliche Empfinden bei Begehung der Tat. Erschwerend: nichts.“ Aus der Begründung des Urteils: „… Durch die Beweggründe ihres Vorgehens, nämlich das Erbarmen mit dem Kriegsgefangenen wird ihre Tat, die an sich schon gegen die Ehre der deutschen Frau verstösst, nicht gerechtfertigt, sondern im Gericht deren Vorsätzlichkeit bestätigt“.

Wehrdienstverweigerung: Franz Jägerstätter, Häftling, und andere

Das Ursulinenkloster ist als ehemaliges Wehrmachtsgefängnis nicht im Gedächtnis der Stadt eingeschrieben, obwohl mit Franz Jägerstätter damit das wohl bestrezipierte Schicksal eines Kriegsdienstverweigerers im NS-Staat verknüpft ist. „Die Fenster (unserer Zellen) waren bis auf einen schmalen Schlitz zugemauert und mit Eisen beschlagen. Im Inneren fand man Ringe, Ketten, Fußfesseln, eine Holzpeitsche“, notierte eine Schwester nach der Befreiung 1945. Das Wehrmachtsgefängnis der Divisionen 187 bzw. 487 des WK 17 galt als Durchgangslager für wegen Fahnenflucht, Zersetzung der Wehrkraft, Feigheit, Untergrabung der Manneszucht oder auch Diebstahl verurteilten Soldaten vor ihrer Überstellung in die so genannten „Konzentrationslager für die Wehrmacht“ in Esterwegen oder Neusustrum/Ems.
Franz Jägerstätter, geboren am 20. Mai 1907 in St. Radegund/Oberösterreich, wurde als  „lebenslustiger Bursch“ erinnert, der das erste Motorrad seiner Gemeinde besaß, 1936 heiratete und den Hof seines Stiefvaters übernahm. Im Innviertel, das - während des autoritären Ständestaates – stark von illegalen NSDAP-Mitgliedern durchsetzt war, positionierte er sich nach intensiver Auseinandersetzung mit dem katholischen Glauben als entschiedener NS-Gegner. Bei der so genannten Volksabstimmung über den Anschluss an NS-Deutschland wurde ihm die einzige „Nein“-Stimme des Ortes zugeschrieben, was Jägerstätter nicht dementierte. Er trat dem „Dritten Orden des Heiligen Franziskus“ bei, der nach dem Vorbild von Franz von Assisi durch Friedenstiften religiöses Leben und politische Realität in Einklang bringen wollte – Waffen zu tragen war Ordensmitgliedern untersagt. Nach zwei kurzen Einberufungen 1940 und 1941, stand für ihn fest, dass er nicht wieder einrücken werde: „Es ist so schon so schwer in der Vollkommenheit einen Schritt vorwärts zu kommen, und dann erst bei diesem Verein“, resümierte der Tiefgläubige. Die nächste Einberufung erfolgte am 23. Februar 1943, der er am 1. März – eine Woche verspätet – Folge leistete. Am 2. März konnte er die Kaserne noch einmal verlassen, kehrte dann zurück und sprach vermutlich seine Verweigerung aus. Anschließend begannen die Verhöre und er wurde nach Linz in das Wehrmachtsgefängnis gebracht, wo er bis 4. Mai 1943 inhaftiert blieb. Mithäftlinge erinnerten ihn „heiter“, als einen, der den Kopf nicht hängen ließ und wegen seiner Religiosität von Aufsichtspersonal und anderen Mitgefangenen schikaniert wurde. Am 6. Juli 1943 verurteilte das Reichsgericht Berlin-Charlottenburg den oberösterreichischen Bauer zum Tode durch den Strang. Franz Jägerstätter wurde am 9. August 1943 in Brandenburg hingerichtet. Seine Frau Franziska trug die Entscheidung ihres Mannes, den Wehrdienst zu verweigern, mit. Jägerstätter hatte gewusst, was ihn erwartete. Aber: „Trotz allem ist es nicht gut, wenn unsere Seelenführer immer schweigen… Man will eben Christen sehen, die es noch fertig bringen, dazustehen inmitten allen Dunkels … die nicht sind wie ein wankendes Schilfrohr…“. Franz Jägerstätter war nicht der einzige Eidverweigerer, der auf die Todesstrafe im Wehrmachtsgefängnis Ursulinenkloster wartete. Pfarrer Anton Baldinger berichtete von 40 Häftlingen, die er in diesem Gebäude auf diesem Weg begleiten musste.

¹ Gabriella Hauch, Ein Haus als „Gedächtnisort“. Ursulinenschule – Wehrmachtsgefängnis – Offenes Kulturhaus, in: Speicher. Versuche zur Darstellbarkeit von Geschichte/n. Katalog, hg. Offenes Kulturhaus des Landes OÖ, Linz 1993, 15-62.

Gabriella Hauch, Univ.-Prof.in Dr.in, Vorständin des Instituts für Frauen- und Geschlechterforschung der Johannes Kepler Universität Linz