English versionDeutsche Version
Search

Gastbeiträge


   

Karl Fallend
Niedernhart – Ein Ort des (Un)Heimlichen

Es sind Erinnerungsbilder, wie durch Milchglas betrachtet, während die dazu gehörigen Emotionen im Verhältnis 1:1 anmuten. Diese Bilder verströmen eine Stimmung, die am besten mit dem Begriff unheimlich zu beschreiben ist. Einerseits heimlich, verborgen, verdeckt, während das „un“ gleichzeitig das Gegenteil verrät.
Die Bilder reichen in die frühe Kindheit, die ich im Arbeiterviertel Bindermichl abenteuerlich erlebte. Es war in den so genannten „Hitlerbauten“, genauer: Hanuschstrasse 86, die nach dem Sozialisten und Arbeiterdichter Ferdinand Hanusch benannt und gerade elf Jahre vor meiner Geburt noch nach dem Erbauer der Reichsautobahn Dr. Todt-Strasse hieß, von wo ich meine Pirschgänge unternahm. Unsere erste Nachbarin, die ich bewusst wahrnahm, wohnte gleich vis a vis. Frau G. – meiner Erinnerung nach eine sehr strenge uralte Frau, die immer jähzorniger wurde und begann, wirres Zeug zu sprechen. Ich sah sie immer seltener, dann gar nicht mehr. Sie war weg. „Drüben“ hieß das zweisilbig, peinlich berührte Pseudonym für Psychiatrie; oder auch „Niedernhart“, „des göbe Haus, dort, wo die Depperten drin san.“ Etwas mehr als einen Steinwurf entfernt stand dieses riesengroße gelbe Haus, ohne Geschichte, ohne Sprache – nur mit mysteriöser Ausstrahlung, die Angst machte. Ein gemiedener Ort, der gerade zum Schimpfwort taugte, oder zur Drohung, wenn man nicht brav ist, dann ...
Als sich mein Tugendkatalog mehr und mehr nach Karl May orientierte und sich meine Jagdgründe auf den Hummelhofwald erstreckten, pirschte sich unsere Bubenbande auch einmal an das benachbarte Gelände von Niedernhart heran, als plötzlich große Männer vor uns standen, die seltsame Grimassen schnitten, eigenartig ihren Körper bewegten, in einer Art gestreiften Pyjama gekleidet waren und Pantoffel trugen. Wir zitterten am ganzen Körper und nahmen die Beine in die Hände.
Einen vorerst letzten Kontakt mit diesem von der Erwachsenenwelt so tabuisierten Ort hatte ich in der Hauptschule. Mein Sitznachbar wurde mein Freund und lud mich zum Spiel zu sich nach Hause ein. Direkt unterhalb des gelben Hauses waren kleinere gelbe Häuser, wo seine Familie in ärmlichen Verhältnissen wohnte. Vater, Mutter, vier Kinder in einem Raum. Der Vater war Pfleger im Niedernhart. Eigentlich war er ein Tischler aus dem Mühlviertel, der in der aufblühenden Stadt eine bessere Zukunft erhoffte. Pillenkeule oder Zwangsjacke waren für ihn kein Gesprächsthema. Er redete mit niemandem über seine Arbeit, obwohl er es sicher bitter nötig gehabt hätte. Statt dessen suchte er Entspannung und Trost in der Flasche, die ihn schließlich verschlang.
Diese Ereignisse liegen mittlerweile über vier Jahrzehnte zurück. Nur die paar Bilder blieben als Restposten, sprachlos in einer unheimlichen Gefühlsmelange eingekapselt, verdrängt und von einem Lebensentwurf überlagert, der mich schließlich um die Jahrtausendwende als analytischer Sozialpsychologe wieder zurückführen sollte. In der Historikerkommission zur Aufarbeitung der Zwangsarbeit in den ehemaligen Hermann-Göring-Werken in Linz war es meine Aufgabe, durch Erinnerungsinterviews mit ZeitzeugInnen die zeitgeschichtlichen Recherchen über den Nationalsozialismus mit der Erhellung psychischer Realitäten zu ergänzen.
Unversehens wurde die aktuell politische, historische Forschung eine biographische. Nicht nur, dass ich die dunkle Geschichte des Stahlbetriebs VOEST zu erforschen hatte, in der mein Vater 1950 als einfacher Arbeiter seine Zukunft gefunden hatte, auch meine Kinderspielplätze verloren sukzessive ihre Unschuld. Die funktionstüchtigen Luftschutzkeller in den heimatlichen Hitlerbauten, die wir so gern zum Versteckspiel aufsuchten; der Pichlingersee, in dem ich meine erste Taucherbrille testete und daher wusste, dass es sich um einen Schottersee handelt, aber nicht zwecks Errichtung der Hermann-Göring-Werke; der sogenannte „Tschechenberg“, wo ich meine ersten Schischwünge probiert hatte, aber erst jetzt erfuhr, dass der Hügel deswegen diesen Namen trug, weil ebendort das Lager der tschechischen Zwangsarbeiter gewesen war. Schließlich stand ich wieder vor dem Gelben Haus und das Unheimliche bekam historische Konturen.  
Ungefähr dort, wo wir Buben unseren ersten Pirschgang wagten, war das Lazarett der Hermann-Göring-Werke aufgebaut gewesen, das von Dr. Ernst Kortschak mit eiserner Faust geleitet worden war. Ein kleingewachsener, glühender Nationalsozialist, der als Schläger gefürchtet war und den viele meiner Interviewpartner mit Grauen in Erinnerung behalten hatten. Unabhängig voneinander teilten sie alle das ihnen willkommene Gerücht, dass der Arzt ob seiner Grausamkeit 1945 grausam gelyncht worden sei, während er doch überlebte und in der Steiermark unbehelligt seine Karriere fortsetzte. Die Leitung der Heil- und Pflegeanstalt Niedernhart nebenan wurde 1938 Kortschaks gleichaltrigem Kampfgefährten und Studienkollegen, Dr. Rudolf Lonauer, übertragen.  ‚Heil’ und ‚Pflege’ verstand der 31-jährige vollkommen im nationalsozialistischen Sinne und verwandelte das Haus in eine Mordanstalt, wofür auch er nach 1945 nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden konnte. Er nahm seinen beiden Töchtern, seiner Frau und sich selbst das Leben. Bis zuletzt entschied er zwischen lebenswert und lebensunwert, was er jahrelang in Niedernhart im Rahmen der Euthanasieaktion beruflich als Berufung erachtete. In einer ideologisch pervertierten Psychiatrie und Medizin folgte seine Diagnostik nicht mehr pathologischen Kriterien, sondern rassischen und politischen Gesichtspunkten. Hundertfach starben Menschen durch seine Hand, indem er medizinische Versuche und Medikamententests durchführte. Tausendfach ließ Lonauer Menschen ins nahe gelegene Schloss Hartheim transportieren – das ebenfalls unter seiner Leitung stand – und vergasen.
Niedernhart und Hartheim gehörten zusammen.
Ein kleiner Maschinenschlosser war einer von Lonauers Handlanger: der Arbeitslose Vinzenz Nohel, der als Heizer des Krematoriums in Hartheim dumb seine Pflicht erfüllte und später – vor Gericht – in der Lage war diese zu beschreiben: „Je nach Anzahl der Toten haben wir 2 bis 8 Tote verbrannt. Der Ofen wurde mit Koks geheizt. Die Arbeit wurde, je nach Bedarf, Tag und Nacht fortgeführt. Bevor die Toten verbrannt wurden, sind von den Heizern, die mit einem Kreuz bezeichneten Verstorbenen, die Goldzähne gezogen worden (...). Das so gewonnene Knochenmehl wurde an die trauernden Hinterbliebenen als sterbliche Überreste versandt. Für jeden Toten waren etwa 3 kg solchen Mehles berechnet. Da die Arbeit sehr anstrengend, und wie schon gesagt, nervenzermürbend war, bekamen wir pro Tag einen ¼ l Schnaps. Ich glaube, dass wir auf diese Art ca. 20.000 Geisteskranke verbrannt haben. Im Jahre 1944 haben wir dann auch KZler verbrannt. Nach meinem Dafürhalten waren die Leute meist mit schweren Krankheiten behaftet, jedoch nicht geisteskrank. Auch kranke Ostarbeiter sind bei uns in Hartheim verbrannt worden. Nach meiner Schätzung dürften im ganzen etwa 30.000 Menschen ums Leben gekommen sein.“
Der politische Wahnsinn erhielt durch diesen kleinen Mann eine Sprache, die alsbald wieder in Vergessenheit geriet bzw. durch ein vielsagendes (Ver-)Schweigen ersetzt wurde und nur mehr in kindlichen Ängsten, im Unheimlichen fortwirkte.

Karl Fallend, Dr. phil., Univ.Doz., Prof. für Sozialpsychologie an der FH Joanneum Graz. Freiberuflicher Wissenschaftler in Wien.