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Das Projekt


Viele LinzerInnen, so vermuten wir, wissen ganz gut über einige Aspekte der nationalsozialistischen Vergangenheit der Stadt Bescheid: Im kollektiven Gedächtnis präsent sind in erster Linie architektonische Manifeste des NS-Regimes, die bis heute das Stadtbild prägen: Allen voran die VOEST, die ehemaligen Hermann Göring-Werke – sie sind ein Symbol für die NS-Rüstungsindustrie und nach wie vor ein relevanter Wirtschaftsfaktor, gefolgt von der Nibelungenbrücke, den Brückenkopfgebäuden sowie den umgangssprachlich als „Hitler-Bauten“ titulierten Wohnsiedlungen. Die nach dem „Anschluss“ 1938 errichteten Prestige- und Wohnbauten in Adolf Hitlers „Jugendstadt“ sind im öffentlichen Bewusstsein verankert. Demgegenüber hat die Topographie des Terrors, die Realisierung der NS-Verfolgungs- und Vernichtungspolitik „vor Ort“ bis auf wenige Ausnahmen kaum Eingang in das kollektive Gedächtnis der Stadt gefunden.

Das Projekt IN SITU. Zeitgeschichte findet Stadt: Linz im Nationalsozialismus – ein Projekt für das Europäische Kulturhauptstadtjahr 2009 – hat die Visualisierung und Einschreibung der vielschichtigen Dimensionen der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik in die Alltagswahrnehmung zum Ziel. Dem „Prinzip der leisen Wirksamkeit“ verpflichtet, verweigert es sich einer Eventisierung der NS-Zeit, vielmehr verfolgt es drei Kommunikationsebenen: Im öffentlichen Raum werden ab März 2009 in Form von Schablonensprayungen / Stencils an 65 Orten in Kurzform Bezüge zur NS-Zeit hergestellt. Dabei geht es nicht allein um die ikonischen Orte der Topographie des Terrors in Linz – etwa das Gestapo-Hauptgebäude in der Langgasse, das Polizeigefängnis in der Mozartstraße und die Synagoge in der Bethlehemstraße. Auch bislang in diesem Zusammenhang kaum beachtete, scheinbar alltägliche Gebäude und Plätze werden in ihrer historischen Bedeutung als Vollzugsorte der Verfolgungsmaßnahmen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft sichtbar gemacht. Allein ein kurzer Weg durch die Innenstadt führt angesichts der Häufigkeit der markierten Orte die dichte Verwobenheit von politischer Machtausübung, staatlichem und individuellem Terror, aber auch von Handlungsspielräumen vor Augen. Dies verdeutlicht ebenso ein für das Projekt entwickelter Stadtplan, der die Wahrnehmung der Stadt in Hinblick auf die ausgewählten Orte und die mit ihnen verbundenen Geschichten neu rahmt.

Das Buch IN SITU. Zeitgeschichte findet Stadt: Linz im Nationalsozialismus bietet den LinzerInnen, aber auch internationalen Gästen ausführliche Informationen auf ihren Wegen durch die Stadt. Soweit sich Fotografien in öffentlichen Sammlungen erhalten haben, geben diese einen historischen Eindruck vom Ort des Geschehens. Die 2008/09 vom Linzer Künstler und Fotografen Norbert Artner aufgenommene Bildstrecke lädt zu einer veränderten Wahrnehmung der Gegenwart ein.

Mit der vorliegenden Website www.insitu-linz09.at, können sich Interessierte in aller Welt über das Projekt informieren und vertiefende Inhalte abrufen: Historische Dokumente geben Einblick in die konkreten Strukturen nationalsozialistischer Gewaltherrschaft „vor Ort“, oder auch in berührende Lebenszeugnisse der Opfer des Regimes. Literaturangaben verweisen auf weiterführende Literatur und Forschungsarbeiten, Gastbeiträge von Expertinnen und Experten ergänzen die getroffene Auswahl an Orten und ihren Geschichten.  

IN SITU versteht sich als Vermittlungsprojekt, das neue künstlerisch-wissenschaftliche Formen der öffentlichen Auseinandersetzung mit der Erinnerung an die NS-Gewaltherrschaft sucht: Der Gemeinderat der Landeshauptstadt Linz hat 1996 den Beschluss gefasst, die Zeit der NS-Diktatur in Linz umfassend wissenschaftlich aufarbeiten zu lassen. Mittlerweile liegt der (Fach)Öffentlichkeit bereits eine Vielzahl publizierter Forschungsarbeiten vor. Sie bilden die wissenschaftliche Grundlage des Projekts IN SITU, das die Ergebnisse zeitgeschichtlicher Forschung in den konkreten öffentlichen Raum und ebenso in die Gedächtnislandschaft von Linz zurückträgt.


Dagmar Höss, Monika Sommer, Heidemarie Uhl