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1941, Altstadt 3

Die elfjährige Pauline H. meldet ihre Nachbarn wegen Abhören eines Feind­senders. Ein Opfer der Denunziation, Josefa F., wird zu einem Jahr Zuchthaus verurteilt.

Die elfjährige Pauline H. hörte aus der Wohnung ihrer Nachbarn Radioberichte über Verluste der Wehrmacht – Berichte, die offenkundig von einem ausländischen Sender stammten. Sie wusste, dass es verboten ist, ausländische Sender zu hören, daher erzählte sie ihren Eltern davon. Ihr Vater ging daraufhin gemeinsam mit seiner Tochter zur Gestapo, berichtete alles und empfahl, die Tochter zu verhören, was noch am selben Tag geschah.

Die Nachbarn, Johann M. und seine Lebensgefährtin Josefa F., wurden zunächst zwei Tage von der Gestapo überwacht und am 24. September 1941 verhaftet. Sie bestritten die Vorwürfe, wurden aber als „polizeiliche Schutzhäftlinge“ festgehalten. Einige Tage später, am 29. September 1941, beging der an Lungentuberkulose leidende M. in seiner Zelle einen Selbstmordversuch, indem er sich mit einer Glasscherbe die Pulsadern öffnete. Danach gab seine Lebensgefährtin an, immer wieder den Sender London gehört zu haben. Sie nahm die ganze Schuld auf sich – M. hätte immer wieder versucht, sie abzuhalten. Johann M. schloss sich dieser Darstellung an und wurde freigesprochen, da ihm keine Absicht und damit keine Schuld nachgewiesen werden konnte. Josefa F. wurde am 18. Dezember 1941 zu einem Jahr Zuchthaus verurteilt.

Literatur:

HENSLE, Michael P.: Rundfunkverbrechen. Das Hören von „Feindsendern“ im Nationalsozialismus. Berlin 2003.  

ALTENSTRASSER, Christina: Handlungsspielraum Denunziation. Alltag, Geschlecht und Denunziation im ländlichen Oberdonau 1938 – 1945. München 2005.

Dokument:

Protokoll des Verhörs von Pauline H. bei der Gestapo. Das Protokoll wurde vom Vater des Mädchens unterschrieben.
Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes 14757.

Foto:

Linzer Altstadt vor 1945, rechts das im Krieg zerstörte Haus Altstadt 3.

Archiv der Stadt Linz