English versionDeutsche Version
Search
   

9.3.1942, Schillerstraße 26

„Wegen dem Scheiß-Führer haben wir kein Brot“, ruft Eleonore B. im Gasthaus „Zum Waldhorn“ wütend aus. Männer vom Stammtisch zeigen sie an. Sie wird zu 14 Monaten Haft verurteilt.

1942 – Eleonore B. war 20 Jahre alt, ihr Mann seit zwei Jahren im Krieg. Im November 1941 war sie zu drei Wochen Polizeiarrest wegen verbotenen Umgangs mit einem französischen Kriegsgefangenen verurteilt worden.

Einige Monate später, im März 1942, kam es im Gasthaus „Zum Waldhorn“, das ihren Großeltern gehörte, zu einer Auseinandersetzung mit Gästen. Die Männer des Stammtisches versuchten, zwei italienische Zivilarbeiter, mit denen B. befreundet war, in einem Handgemenge aus dem Gasthaus zu werfen. B. setzte sich für die italienischen Arbeiter ein und rief während des Streites: „Wegen dem Scheiß-Führer haben wir kein Brot“.

Fünf Tage später wurde sie von einem lokalen NSDAP-Führer bei der Gestapo Linz angezeigt. Sie wurde nach dem „Heimtückegesetz“ zu 14 Monaten Haft verurteilt. Im Prozess ging es aber vor allem um ihre Parteinahme für die Italiener, da dieses Verhalten „für deutsche Frauen unwürdig“ sei. Auch die Zeugen des Vorfalls bezogen sich vorrangig auf Eleonore B.s „intimen Verkehr“ mit Ausländern und ihr „zu nahes Zusammenleben mit Fremdvölkischen“, obwohl der Kontakt zu Zivilarbeitern – im Gegensatz zu dem zu Kriegsgefangenen oder ZwangsarbeiterInnen – nicht verboten war.

Nach ihrer Haft arbeitete Eleonore B. als Kranführerin bei den Hermann-Göring-Werken, nach dem Krieg verließ sie Linz, vermutlich ging sie nach Südfrankreich.

Literatur:

HAUCH, Gabriella: Zwangsarbeiterinnen und ihre Kinder: Zum Geschlecht der Zwangsarbeit. In: RATHKOLB, Oliver (Hg.): NS-Zwangsarbeit: Der Standort Linz der ‚Reichswerke Hermann Göring AG Berlin‘ 1938 – 1945. Band 1. Wien u.a. 2001, S. 355 – 448.

HERBERT, Ulrich: Fremdarbeiter. Politik und Praxis des ‚Ausländer-Einsatzes‘ in der Kriegswirtschaft des Dritten Reiches. Berlin, Bonn 1985.

Dokument:

Anzeige der NSDAP-Kreisleitung Linz Stadt bei der Gestapo Linz vom 2. April 1943 unter Nennung von zwei Zeugen, die Eleonore B. beschuldigen, „sich mit Ausländern abzugeben“.

Oberösterreichisches Landesarchiv, Landesgericht Linz, Sondergerichte, Sch 771.

Foto:

Schillerstraße, Haus Nr. 26 (weiter im Hintergrund, nicht im Bild). Um 1913.

Archiv der Stadt Linz