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1936 – 1938, Gesellenhausstraße 21

Stefan Sch., fanatischer Nazi der ersten Stunde, verantwortet vor dem „Anschluss“ Produktion und Verbreitung des illegalen antisemitischen NS-Hetzblattes „Der Österreichische Beobachter“.

Stefan Schachermayr war bereits in seiner Jugend ein fanatischer Nationalsozialist und wurde viermal wegen illegaler Betätigung für die NSDAP verurteilt. 1936 wurde er vom damals illegalen Gauleiter Eigruber mit der Herstellung und Verbreitung des „Österreichischen Beobachters“ beauftragt.

Der „Österreichische Beobachter“ war die wichtigste NS-Zeitung während der Zeit, in der die NSDAP in Österreich verboten war. Sie war berüchtigt für ihre aggressiv-antisemitische Berichterstattung. So wurden etwa Personen, die in jüdischen Geschäften einkauften, in einer eigenen Rubrik („Der Juden-Pranger“) namentlich genannt.

Nach dem „Anschluss“ wurde zur Würdigung von Schachermayrs Verdiensten eine Straße in Braunau nach ihm benannt, er stieg zum Gauinspektor auf und gehörte dem Gaugericht an. Nach dem Krieg war Schachermayr drei Jahre in Haft, ab 1949 beteiligte er sich am Aufbau des VdU Verband der Unabhängigen, der Vorläuferpartei der FPÖ, in Oberösterreich und setzte sich für inhaftierte „Kameraden“ ein. Ein Gerichtsprozess, in dem ihm die Beteiligung an der Organisation des Mordes an Behinderten in Schloss Hartheim vorgeworfen wurde, endete 1971 ohne Ergebnis.

Im Jahr 2005 erklärte der damals 93-jährige in der Zeitung „Oberösterreichische Rundschau“: „Ich war überzeugter Nationalsozialist und bin es im Grunde genommen heute noch. Man kann uns ja außer dieser Judengeschichte gar nichts nachweisen. Es ist ja nur Gutes geschehen.“

Literatur:

GUSTENAU, Michaela: Mit brauner Tinte. Nationalsozialistische Presse in Oberösterreich (1933 – 1945). Linz 1992.

WIESINGER, Marion: Verfahren eingestellt. Der Umgang der österreichischen Justiz mit NS-Gewalttätern in den 1960er und 1970er Jahren. In: SCHUSTER, Walter; WEBER, Wolfgang (Hg.): Entnazifizierung im regionalen Bereich. Linz 2004, S. 637 – 650.

Dokument:

Antisemitische Hetze war der Hauptinhalt des „Österreichischen Beobachters“, der wichtigsten illegalen NS-Zeitung vor 1938.

„Warum sind wir Judengegner?“ In: Österreichischer Beobachter, 3. Jg., 2. Junifolge 1938.

Foto:

Karl-Wiser-Straße, Ecke Gesellenhausstraße. Rechts, nicht mehr im Bild, Haus Nr. 21. Undatiert.

Archiv der Stadt Linz.