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4.12.1940, Museumstraße 12

Die 68-jährige Zeugin Jehovas Rosa P. wird aufgrund ihres Glaubensbekenntnisses und wegen „Wehrkraftzersetzung“ zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt.

Die 68-jährige Zeugin Jehovas Rosa P. und 16 ihrer Glaubensbrüder und -schwestern wurden schuldig gesprochen, weil sie „ihrer Lehre nachlebten und untereinander die Verbindung als Glaubensgemeinschaft aufrecht erhielten“. Damit verstießen sie gegen das „Gesetz zum Schutz der Wehrkraft des deutschen Volkes“ (Wehrkraftzersetzung). Rosa P. wurde am 4. Dezember 1940 zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt.

Die nationalsozialistischen Machthaber sahen in den Lehren der „Bibelforscher“ eine grundsätzlich „staatsfeindliche“ Tendenz. So hatten die ZeugInnen Jehovas in einer Schrift aus dem Jahr 1937 kritisiert, dass „die weltlichen Regierungen Gesetze erlassen, wodurch die Menschen gezwungen werden sollen, Flaggen zu grüßen und Menschen Verehrung darzubringen.“ Außerdem hätten die Angeklagten ihre wehrfeindliche Haltung klar bekundet: „In gehorsamer Auslegung des Gebotes ‚Du sollst nicht töten‘ erklären sämtliche Angeklagte, soweit sie männlich, daß sie den Dienst im Staat mit der Waffe ablehnen, und die weiblichen Angeklagten, daß auch sie sich deshalb an einer Arbeit in einem Rüstungswerk nicht beteiligen könnten.“ Diese grundsätzlich ablehnende Haltung gegenüber dem Krieg konnte nicht akzeptiert werden – wer den ZeugInnen Jehovas angehörte, wurde wegen Wehrkraftzersetzung angeklagt bzw. wegen Kriegsdienstverweigerung verfolgt.

Literatur:

HERBERBERGER, Marcus (Hg.): Denn es steht geschrieben: ‚Du sollst nicht töten‘. Die Verfolgung religiöser Kriegsdienstverweigerer unter dem NS-Regime mit besonderer Berücksichtigung der Zeugen Jehovas (1939 – 1945). Wien 2005. 

HESSE, Hans (Hg.): „Am mutigsten waren immer die Zeugen Jehovas“. Verfolgung und Widerstand der Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus. Bremen 1998.

Dokument:

Anklageschrift des Oberstaatsanwaltes beim Landgericht Linz gegen Rosa P. und 16 weitere ZeugInnen Jehovas. Im Text der Anklageschrift wird erläutert, warum die „Bibelforscher“ vom NS-Staat wegen „Wehrkraftzersetzung“ und Desertation verfolgt werden.

Oberösterreichisches Landesarchiv, Landesgericht Linz 6 Vr 866/40.  

Foto:

Landesgericht, Museumstraße 12 (heute Fadingerstraße 2), links im Hintergrund. Um 1943.

Archiv der Stadt Linz