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April 1944, Museumstraße 12

Anna H. beschimpft Hitler und gibt ihm die Schuld am Ausbruch des Krieges. Sie wird in Linz zu 3 Jahren Haft verurteilt, das Berliner Reichsgericht dehnt die Haft auf 5 Jahre aus.

Anna H. war Hausmeisterin in einem Haus in der Dinghoferstraße und wurde von mehreren MieterInnen belastet. Sie soll im Mai 1943 Hitler beschimpft haben, als ihr eine der ZeugInnen ein Bild Hitlers für die Wohnung geschenkt hatte: „Der Hitler, der warme Bruder, der Gauner, der Lump, hat so an allem schuld. (…) Der Hund ist an allem schuld; daß der Krieg ausgebrochen ist, ist auch seine Schuld. Wir gehen noch zugrunde, wenn es länger dauert“. Einige Tage später soll sie die deutsche Nachrichtenberichterstattung als „Lüge“ bezeichnet haben. Außerdem, und das dürfte ein gewichtiger Grund für die harte Strafe gewesen sein, soll sie gemeint haben, sie schäme sich dafür, eine deutsche Frau zu sein und sie wolle sich „um einen Ausländer umsehen“, da „die meisten Deutschen fallen“.

Durch das Heimtückegesetz konnten Witze oder unbedachte Äußerungen – etwa im betrunkenen Zustand – zu schweren Strafen, sogar zu Todesurteilen führen. Das Gesetz bot außerdem eine Möglichkeit, mittels Denunziation „alte Rechnungen“ zu begleichen. Anna H. meinte in ihrer Aussage der Gestapo gegenüber etwa, dass sie mit der Nachbarin, die Anzeige gegen sie erstattet hatte, schon lange verfeindet sei. Die Vorwürfe seien erfunden, die Anzeige sei nur aus Gehässigkeit erfolgt.

Literatur:

GARSCHA, Winfried; SCHARF, Franz: Justiz in Oberdonau. Linz 2007. Kapitel Politische Delikte, S. 555ff.

ALTENSTRAßER, Christina: Lokale Obrigkeiten, Denunziation und Geschlecht. Über Strategien im Umgang mit nationalsozialistischen Behörden und Parteistellen. In: HAUCH, Gabriella (Hg.): Frauen in Oberdonau. Geschlechtsspezifische Bruchlinien im Nationalsozialismus. Linz 2006, S. 199 – 211.

DOHMEN, Herbert; SCHOLZ, Nina: Denunziert: Jeder tut mit. Jeder denkt nach. Jeder meldet. Wien 2003.

Dokument:

Urteil des Berliner Reichsgerichts vom 21. April 1944. Das Urteil des Linzer Sondergerichtes von 4. Januar 1944 wird als „zu milde“ aufgehoben und die Strafe von 3 auf 5 Jahre hinaufgesetzt. Begründung: Anna H. habe mit ihren Aussagen gegen die „Würde der deutschen Frau“ verstoßen.

Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes 14696.  

Foto:

Landesgericht, Museumstraße 12 (heute Fadingerstraße 2), links im Hintergrund. Um 1943.

Archiv der Stadt Linz