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Mai 1943 – Mai 1945, Krankenhausstraße 9

Im AKH und in der Landesfrauenklinik Linz werden in diesem Zeitraum mindestens 972 Zwangsabtreibungen durchgeführt. Opfer sind vor allem „Ostarbeiterinnen“.

Ein für die Nazis unerwünschter Aspekt der NS-Zwangsarbeit waren sexuelle Kontakte zwischen „Fremden“ und „Deutschblütigen“: Erstens wurde durch eine Schwangerschaft die Arbeitsfähigkeit der betroffenen Frau eingeschränkt, zweitens wurden Nachkommen von „Ostarbeiterinnen“ grundsätzlich als „rassisch minderwertig“ angesehen.

Unter diesen Vorzeichen kam es ab 1942 zu einer Diskussion über die Lockerung des Abtreibungsverbotes - Abtreibung sollte nun als rassistische Zwangsmaßnahme eingesetzt werden. Einige führende Nazis waren gegen eine solche Lockerung, da Abtreibung für deutsche Frauen weiterhin schwer bestraft werden müsse (auf gewerbsmäßige Abtreibung stand die Todesstrafe) und eine Untergrabung der Moral befürchtet wurde. Die Niederlage von Stalingrad und die Verschärfung des Arbeitskräftemangels gaben jedoch den Anstoß, die Abtreibungsgesetze im Sinne eines „rationaleren“ Einsatzes der Arbeitskraft von Zwangsarbeiterinnen zu ändern und Abtreibungen für Ostarbeiterinnen und Polinnen zuzulassen. Dazu war zuerst das Gutachten eines Arztes einzuholen, dann wurde der Abbruch in „Krankenbaracken“ für Ostarbeiterinnen durchgeführt.

Ab 1942 gab es eine „Ostarbeiterinnen-Abteilung“ im AKH und eine eigene „Ostarbeiterinnen-Baracke“ bei der Landesfrauenklinik. In diesen beiden Einrichtungen sind zwischen 20. Mai 1943 und 23. Februar 1945 972 erzwungene Abtreibungen dokumentiert.

Literatur:

BOCK, Gisela: Zwangssterilisation im Nationalsozialismus. Studien zur Frauenpolitik und Rassenpolitik. Opladen 1986.

HAUCH, Gabriella: Ostarbeiterinnen. Vergessene Frauen und ihre Kinder. In: MAYRHOFER, Fritz; SCHUSTER, Walter (Hg.): Nationalsozialismus in Linz. Band 2. Linz 2001, S. 1271 – 1310.

HAUCH, Gabriella: Die Institutionalisierung der NS-Bevölkerungs- und Sexualpolitik gegen Ostarbeiterinnen und Polinnen: ‚Modell Oberdonau‘? In: HAUCH, Gabriella (Hg.): Frauen in Oberdonau. Geschlechtsspezifische Bruchlinien im Nationalsozialismus. Linz 2006, S. 215 – 226.

Dokument:

In einem Rundschreiben vom 18. Januar 1944 an alle Amtsärzte legt die Reichsärztekammer die Regeln für „Schwangerschaftsunterbrechungen bei Ostarbeiterinnen und Polinnen“ fest. Der Eingriff sollte nicht in Krankenhäusern stattfinden, sondern „nur in Lagerräumen durch russische oder polnische Ärzte“. Oberösterreichisches Landesarchiv, BH Grieskirchen, Abt Sanität, Sch 13/4.

Foto:

Allgemeines Krankenhaus Linz. Undatiert.

Archiv der Stadt Linz