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1938 – 1945, Niedernharter Straße 10

In der Landesheil- und Pflegeanstalt Niedernhart werden rund 800 geistig und körperlich behinderte Menschen als „lebensunwert“ kategorisiert und brutal ermordet.

Nach dem „Anschluss“ im März 1938 wurde ein erst 31-jähriger zielstrebiger Nationalsozialist zum Leiter der „Landesirrenanstalt Niedernhart“ bestimmt: Dr. Rudolf Lonauer war bereits ein „Alter Kämpfer“ der NS-Bewegung – illegales Parteimitglied seit 1931, Mitglied der SS seit 1933 – und hatte sein Medizinstudium nach den Prinzipien der „Rassenhygiene“ ausgerichtet. In den folgenden Jahren wurde er Primarius am Linzer AKH und Leiter der „Euthanasie“-Anstalt in Hartheim.

Lonauer war einer der Hauptakteure bei der Ermordung von als behindert klassifizierten Menschen im Gau Oberdonau. Wann genau die Tötungen begannen, ist nicht bekannt. Der erste gerichtlich dokumentierte Fall ereignete sich im Herbst 1940: Lonauer ermordete sechs Niedernharter Patienten zwischen 10 und 30 Jahren mit Giftinjektionen. Später richtete Lonauer die „Abteilung VIII“ ein: Hier wurden Menschen aus der ganzen Ostmark, aus Böhmen und Süddeutschland für ein paar Tage untergebracht, ehe graue Busse sie nach Hartheim transportierten, wo sie getötet wurden.

Von 1938 bis 1945 sind ca. 800 Menschen in Niedernhart durch Gift, Nahrungsentzug und Stromschläge ermordet worden. Die Sterblichkeitsrate in der „Landesirrenanstalt Niedernhart“ stieg unter der Leitung von Rudolf Lonauer von 6 % auf ca. 70 %. Lonauer tötete kurz vor Eintreffen der US-Armee zuerst seine Frau und seine beiden Töchter, dann sich selbst.

Literatur:

KOHL, Walter: Die Pyramiden von Hartheim. ‚Euthanasie‘ in Oberösterreich 1940 – 1945. Grünbach 1997.

KEPPLINGER, Brigitte (Hg.): Tötungsanstalt Hartheim. Linz 2008.

ALTENSTRASSER, Christina; EGELSBERGER, Peter; THANNER, Lydia; PUTZ, Konstantin: Niedernhart. Juni 1946. Ein Bericht. In: Justiz und Erinnerung. Nr. 8 (Oktober 2003), S. 7-13.

Dokument:

Der Leiter der „Gemeinnützigen Stiftung für Anstaltspflege“ in Berlin, Tiergartenstraße 4 – die Zentrale der sogenannten „Aktion T4“ zur Ermordung von Menschen mit Behinderung – weist in einem informellen Schreiben an Dr. Lonauer auf die Überstellung eines als „russischer Geisteskranker“ klassifizierten Mannes nach Niedernhart hin. In Zur weiteren Vorgangsweise heißt es: „Der Grund der Überstellung wird Dir ja unschwer klar sein.“

Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes 20298

Foto:

Landesheil- und Pflegeanstalt Niedernhart. Undatiert.

Archiv der Stadt Linz