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August 1938, Stockbauerstraße 11

Hermann S. ist Rechtsanwalt und war bis 1934 Gemeinderatsmitglied der Sozialdemokratischen Partei. Seine Villa wird zugunsten des Gaus eingezogen und an Johanna Eigruber, Frau des Gauleiters, verkauft.

Hermann Schneeweiss führte eine Rechtsanwaltskanzlei auf der Spittelwiese in Linz. 1909 heiratete er Clara H., aus der Ehe gingen drei Kinder hervor: Ruth (1911), Walter (1917) und Hans Georg (1920). Schneeweiss war im Vorstand der jüdischen Gemeinde aktiv, ab 1919 war er Gemeinderatsmitglied für die Sozialdemokratische Partei. 1915 erwarben Clara und Hermann Schneeweiss je zur Hälfte das Haus in der Stockbauerstraße 11 auf der Gugl.

Gleich nach dem Einmarsch der Nazis wurde Schneeweiss verhaftet und trotz seines Alters – er war damals immerhin 66 Jahre alt – zuerst im Polizeigefängnis Linz, dann im KZ Dachau, später in Buchenwald inhaftiert. In der Zwischenzeit wurde das Haus in der Stockbauergasse zugunsten des Gaus Oberdonau eingezogen.

Am 25. August wurde die Villa in der Stockbauerstraße vom Gau verkauft – und zwar an die Ehefrau des Gauleiters, Johanna Eigruber. Obwohl der Gau die Liegenschaft 1940 zurückkaufte, blieb die Villa weiterhin die Dienstwohnung des Gauleiters. Er ließ sich eine neue Wasserleitung sowie eine Zentralheizung installieren und im Garten ein „Planschbecken“ errichten.

Familie Schneeweiss konnte 1939 nach Australien flüchten, wo die Söhne Walter und Hans Georg heute noch leben. Die Villa wurde an den Bruder des 1946 verstorbenen Hermann Schneeweiss restituiert und 1953 verkauft. 1999 wurde sie abgerissen und stattdessen ein Neubau errichtet.

Literatur:

WAGNER, Verena: Jüdisches Leben in Linz. 1849 – 1943. Linz 2008.

ELLMAUER, Daniela; JOHN, Michael; THUMSER, Regina (Hg.): „Arisierungen“, beschlagnahmte Vermögen, Rückstellungen und Entschädigungen in Oberösterreich. (= Veröffentlichungen der Österreichischen Historikerkommission. Vermögensentzug während der NS-Zeit sowie Rückstellungen und Entschädigungen seit 1945 in Österreich, 17/1) Wien, München 2004.

Dokument:

Schreiben des „Reichsführers SS“ an das zuständige Finanzamt vom 30. September 1940. Um sein Vermögen „legal“ beschlagnahmen zu können, entzieht das „Deutsche Reich“ Hermann Schneeweiss und seiner Familie die Staatsbürgerschaft.

Oberösterreichisches Landesarchiv, Bestand Arisierungen.