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1941, Mozartstraße 6-10

Im Polizeigefängnis wartet die Magd Katharina G. auf ihren Prozess wegen einer sexuellen Beziehung zu einem französischen Kriegsgefangenen. Sie wird zu einem Jahr Haft verurteilt.

Während der NS-Zeit befanden sich Millionen ArbeiterInnen – durch falsche Versprechungen gelockt, zwangsverpflichtet, verschleppt – im „Deutschen Reich“, um den riesigen Bedarf an Arbeitskräften zu decken.

Linz ist für dieses Phänomen ein gutes Beispiel: Mehr als 100.000 AusländerInnen arbeiteten in der Rüstungsindustrie oder bei großen Bauprojekten. Für die NS-Führung war der Umgang der Zivilbevölkerung mit diesen ausländischen Arbeitskräften ein großes Problem. Bei Kriegsgefangenen etwa fürchtete man Sabotage und Spionage sowie „Zersetzung der deutschen Wehrkraft“ – weswegen jeglicher Kontakt mit ihnen verboten war. Doch auch der Kontakt mit zivilen „Fremdarbeitern“ war verpönt und konnte zu Strafen führen.

Dieses Verbot bzw. diese Einschränkungen des Umgangs mit ausländischen Arbeitskräften hatte auch eine geschlechtsspezifische Dimension: Frauen waren angehalten, nicht gegen das „gesunde Volksempfinden“ zu verstoßen, das „deutsche Volkstum“ nicht durch sexuelle Kontakte mit Kriegsgefangenen zu „gefährden“, „das deutsche Blut rein zu halten“. Folglich wurden sexuelle Kontakte mit Kriegsgefangenen oder Zwangsarbeitern mit langen Gefängnisstrafen geahndet, der betroffene Kriegsgefangene oder Zwangsarbeiter wurde in den meisten Fällen hingerichtet.

Literatur:

HAUCH, Gabriella: ‚…das gesunde Volksempfingen gröblich verletzt‘. Verbotener Geschlechtsverkehr mit ‚Anderen‘ während des Nationalsozialismus. In: Dies. (Hg.): Frauen in Oberdonau. Geschlechtsspezifische Bruchlinien im Nationalsozialismus. Linz 2006, S. 245 – 270.

WEITZ, Dagmar: „Verbotener Umgang mit Kriegsgefangenen“ vor dem Sondergericht Wien. Wien 2006.

Dokument:

Der Gendarmerieposten Suben informiert die Linzer Gestapo am 12. November 1940 über die Verhaftung von Katharina G. und einer weiteren Magd wegen vermuteter sexueller Beziehungen zu französischen Kriegsgefangenen. Berichtet wird auch, dass sie vor ihrer Verhaftung auf Anweisung der örtlichen NSDAP von 4 SA-Männern mit Schildern um den Hals durch das Dorf getrieben und an den Pranger gestellt wurden.

Oberösterreichisches Landesarchiv, Landesgericht Linz, Sondergerichte, Sch 761.  


Im Gerichtsurteil von 25. Februar 1941 wird Katharina G. zu einem Jahr Haft verurteilt. Ihr Verhalten gegenüber einem französischen Kriegsgefangengen habe „das gesunde Volksempfinden gröblich verletzt.“

Oberösterreichisches Landesarchiv, Landesgericht Linz, Sondergerichte, Sch 761.

Foto:

Mozartstraße, Blick Richtung Dametzstraße. Polizeizentrale und Polizeigefängnis. 1936.

Archiv der Stadt Linz