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1940/41, Landstraße 31

Ordensschwester Kamilla wirft einem französischen Kriegsgefangenen ein Paar wollene Strümpfe aus dem Fenster des Klosters zu. Sie wird zu 4 Wochen Gefängnis verurteilt.

Die Geschichte von Margarete S., Ordensschwester „Kamilla“ bei den Ursulinen in Linz, zeigt, wie hart die NS-Gesetzgebung selbst bei kleinen Verstößen vorging. Das „Vergehen“ der Margarete S. war es, einem französischen Kriegsgefangenen ein Paar Wollsocken aus dem Fenster des Klosters zuzuwerfen. Diese Handlung stellte einen Verstoß gegen die Wehrkraftschutzverordnung dar. Ein Gefreiter beobachtete den „Vorfall“ und meldete ihn seinem Vorgesetzten, der ihn an die Gestapo weiterleitete.
Margarete S. wurde am nächsten Tag abgeholt und verhört. Sie gab an, die Wollstrümpfe für sich selbst gestrickt zu haben. Als sie jedoch die Kriegsgefangenen barfuß im Schnee arbeiten sah, hätte sie sich spontan entschlossen, sie ihnen zuzuwerfen.

In einem Schreiben des Oberstaatsanwaltes an den Sonderreferenten für Sondergerichtssachen beim Generalstaatsanwalt Linz wurde ihr zugute gehalten, dass es keine „Anhaltspunkte für nähere Beziehungen zwischen der Beschuldigten und Kriegsgefangenen, insbesondere auch für den Versuch zu Sabotage- oder Spionagehandlungen“ gebe. „Es ist anzunehmen, dass die bisher unbescholtene Beschuldigte aus falschem Mitleid gehandelt hat.“ Dennoch wurde sie am 19. Februar 1941 zu vier Wochen Gefängnis verurteilt, ihre Berufung wurde abgelehnt.

Literatur:

GUGGELBERGER, Martina: „Versuche, anständig zu bleiben“ – Widerstand und Verfolgung von Frauen im Reichsgau Oberdonau. In: HAUCH, Gabriella (Hg.): Frauen in Oberdonau. Geschlechtsspezifische Bruchlinien im Nationalsozialismus. Linz 2006, S. 281 – 343.  

HAUCH, Gabriella: Ein Haus als ‚Gedächtnisort‘. Ursulinenschule – Wehrmachtsgefängnis – Offenes Kulturhaus. In: Offenes Kulturhaus Linz (Hg.): Speicher. Versuche zur Darstellbarkeit von Geschichte/n. Linz 1993, S. 15 – 63.

Dokument:

Gerichtsurteil gegen Margarete S., Ordensschwester Kamilla.

Oberösterreichisches Landesarchiv, Landesgericht Linz, 6E Vr 120/41.

Foto:

Landstraße 31, Ursulinenkloster.

Archiv der Stadt Linz