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Gastbeiträge


   

Peter Larndorfer
Hafenstraße 1a, auf der Linzer Seite bei der Eisenbahnbrücke
Zur Kontinuität der Diskriminierung von Roma und Sinti in Österreich

Die öffentliche Auseinandersetzung mit der Verfolgung und Diskriminierung der Roma und Sinti durch das NS-Regime begann – von wenigen Ausnahmen abgesehen – erst in den letzten zehn Jahren. Ein Grund dafür ist wohl, dass die Ausgrenzung der „Zigeuner“ in Österreich mit der Befreiung 1945 nicht vorbei war.

Dies zeigt sich etwa in einem Bericht der Generaldirektion für öffentliche Sicherheit aus dem Jahr 1948: Nur drei Jahre nach der Befreiung vom Nationalsozialismus spricht diese Behörde vom „Zigeunerunwesen“, das „in einigen Gegenden des Bundesgebietes wieder im Zunehmen begriffen sei“: „Um auf die Bevölkerung Eindruck zu machen, sollen sich Zigeuner oftmals als KZ-ler ausgeben. Soweit die Voraussetzungen nach der Ausländerpolizeiverordnung gegeben erscheinen und die Möglichkeit einer Außerlandschaffung besteht, wäre gegen lästige Zigeuner mit der Erlassung eines Aufenthaltsverbotes vorzugehen und ihre Außerlandschaffung durchzuführen“1 , heißt es in diesem  Bericht weiter. Nicht nur in der Wortwahl erinnert dieser Bericht an die 1938 erschienene „Denkschrift zur Zigeunerfrage“ – in dieser sprach der burgenländische NS-Politiker Tobias Portschy von einer „Zigeunerplage“. 1954 schrieb die Bundespolizeidirektion Linz den Roma und Sinti selbst die Schuld an ihrer  Verfolgung zu: „Da aber die Zigeuner diese Verordnung  [Erlass des RSHA von 1939, „Festsetzungserlass“] nicht einhielten und immer wieder ihren Aufenthaltsort verließen wurden Zigeunerlager geschaffen.“2  Der Umgang mit den „Zigeunern“  steht nach 1945 in einer Kontinuität der Ausgrenzung.
 
In den Jahren nach dem Krieg stellten nur wenige Roma und Sinti Anträge auf Opferfürsorge. Basierend auf ihren Erfahrungen mieden viele von ihnen grundsätzlich den Kontakt mit Behörden. Darüber hinaus waren Roma und Sinti nicht – wie etwa viele politisch Verfolgte – in Opferverbänden organisiert und verfügten so weder über Informationsnetzwerke noch über Verankerung in politischen Parteien. Erschwerend kam hinzu, dass viele kaum Lesen und Schreiben konnten. Die gesetzlichen Bestimmungen erschwerten zudem die Zuerkennung des Opferstatus. So wurde etwa ein Aufenthalt im Lager Lackenbach – das zentrale „Anhaltelager“ für Roma und Sinti in Österreich – nicht als Haftstätte im Sinne des Opferfürsorgegesetztes anerkannt.

Oftmals war es erst die nächste Generation, die den Versuch unternahm, späte Gerechtigkeit zu erlangen– auch das war, wie nachfolgendes Beispiel zeigen soll, ein langwieriger Weg: Rosa Winter war 1945 zu Fuß aus dem Konzentrationslager Ravensbrück nach Linz zurück gekommen. Von ihrer großen Familie hatte nur ein Onkel die nationalsozialistische Verfolgung überlebt – ihre Eltern und die elf Geschwister waren ermordet worden. Von 1947 bis 1965 lebte sie gemeinsam mit ihrem Partner Arthur Schneeberger, wie Rosa Winter ebenfalls ein Überlebender verschiedener Konzentrationslager des Dritten Reiches, und ihren drei Kindern, Gitta, Krali und Tschawo, in Wohnwägen in der Hafenstraße 1a, auf der Linzer Seite bei der Eisenbahnbrücke.
Gitta Martl stellte 1976 für ihre Mutter einen Antrag auf Opferfürsorge, auch verbunden mit dem Anliegen, dass die erlittene Verfolgung durch das NS-Regime offizielle Anerkennung erfahren sollte. Das Ansuchen wurde von den Behörden mit dem Argument abgelehnt, Rosa Winter sei keine österreichische Staatsbürgerin. Rosa Winters Familie war seit Mitte des 17. Jahrhunderts in Hochburg-Ach bei Braunau wohnberechtigt, hatte allerdings nie – wie viele andere Roma und Sinti auch – um die Staatbürgerschaft angesucht.

Der Kampf um die Staatsbürgerschaft und die Anerkennung als Opfer sollten schließlich 15 Jahre dauern. Erst 1991 wurde Rosa Winter offiziell als Opfer des NS-Regimes anerkannt, bekam die österreichische Staatsbürgerschaft, eine bescheidene Haftentschädigung und eine Opferrente. 2004 wurde ihr vom Land Oberösterreich das Goldene Verdienstzeichen verliehen. Rosa Winter verstarb am 16. Mai 2005 im Alter von 82 Jahren in Linz. Ihr Schicksal zeugt von der noch Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg bestehenden Diskriminierung von Roma und Sinti in Österreich – erst 1993 wurden sie als Minderheit anerkennt und ihnen die damit verbundenen Rechte zugestanden.

Auch heute sind Roma und Sinti in vielen europäischen Ländern Gewalt und staatlicher Repression ausgesetzt. So werden  in Mailand, Neapel und Rom Fingerabdrücke von Roma und Sinti als „vorbeugende Maßnahme zur Verbrechensbekämpfung“ erhoben, in Ungarn forderten rassistische Übergriffe gegen Roma seit 2008 sechs Todesopfer.

1 Rundschreiben des BMI, Generaldirektion für öffentliche Sicherheit, an alle Sicherheitsdirektionen und Bundespolizeibehörden. Zitiert nach: THURNER, Erika: Nationalsozialismus und Zigeuner in Österreich. Wien, Salzburg 1983.

2 Stellungnahme der Bundespolizeidirektion Linz an die oberösterreichische Landesregierung. Zitiert nach: LAHER, Ludwig: „Uns hat es nicht geben sollen“. Rosa Winter, Gitta und Nicole Martl. Drei Generationen Sinti-Frauen erzählen. Grünbach 2004. S. 19.

Literatur:
LAHER, Ludwig (Hg.): „Uns hat es nicht geben sollen“. Rosa Winter, Gitta und Nicole Martl. Drei Generationen Sinti-Frauen erzählen. Grünbach 2004.

RIEGER, Barbara: Roma und Sinti in Österreich nach 1945. die Ausgrenzung einer Minderheit als gesellschaftlicher Prozeß. Frankfurt am Main, 2003.

FREUND, Florian; BAUMGARTNER, Gerhard; GREIFENEDER, Harald (Hg.): Vermögensentzug, Resitution und Entschädigung der Roma und Sinti. Veröffentlichungen der Österreichischen Historikerkommission. Oldenburg, 2004.

„Ketani heißt Miteinander. Sinitwirklichkeiten statt Zigeunerklischees“ (AT, Ludwig Laher, ORF 2005) siehe Homepage Verein Ketani: www.sinti-roma.at