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Gastbeiträge


   

Michael John
„Juden unerwünscht“ – Das Kaufhaus Kraus & Schober
Hauptplatz 27

Das kleine Palais gehörte unter anderem Graf Herberstorff, dem Statthalter von Oberösterreich. Von 1818 bis 1820 diente es als Quartier des ehemaligen französischen Polizeiministers Joseph Fouché. Der Polizeiminister Napoleons verbrachte hier zwei Jahre seines Exils. Seit 1853 wurde das Haus für Wirtschaftsunternehmungen genutzt, 1909 entstand an der zentralen Adresse ein Warenhaus unter der Bezeichnung Vereinigte Firmen Franz Hofmann und Kraus & Schober, von den Kunden wurden aber nur die letzten beiden Namen verwendet. Es handelte sich um das erste Linzer Warenhaus. 1930 wurde der Betrieb von einer Gruppe um die drei Brüder Walter, Paul und Max Schwarz übernommen. Die jüdische Familie aus Salzburg verfügte in ganz Österreich über ein funktionierendes Geschäftsnetz an Kaufhäusern.


Kraus & Schober und der Nationalsozialismus

Den Nationalsozialisten galt das Warenhaus im Prinzip als Basar, als orientalisch- jüdische Geschäftsform, die für den "arischen" Mittelstand verderblich sei. Im Deutschen Reich hat man sogleich nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 zu Kaufboykotten aufgerufen, dutzende Kaufhäuser wurden überfallen. Das Kesseltreiben gegen jüdische Unternehmer in Deutschland blieb im Österreich der dreißiger Jahre nicht ohne Folgen. Die in Österreich noch illegale, aber mitgliederstarke nationalsozia¬listische Bewegung betrieb bereits einen aggressiven Propaganda¬feldzug. Den Höhepunkt stellte der Weihnachtsboykott des Jahres 1937 dar. In der auflagen¬stärksten illegalen Publikation, dem in Linz hergestellten "Österreichischen Beobachter", wurden "jüdische" Unternehmer als "Blutsauger" und "Wucherer" dargestellt, das größte und modernste Linzer Warenhaus als "Ramschladen" bezeichnet und Kraus & Schober stets mit der Bezeichnung "Kraußlich" bedacht, in Anlehnung an die gebräuchliche Verwendung des Wortes "grauslich" für abscheulich.

Im Zuge des „Anschluss“ hatte man in Linz bereits am 12. und 13. März 1938 mit Aktionen  gegen "jüdische Geschäfte" begonnen. SA-Männer nahmen vor dem Warenhaus Aufstellung und warnten vor den jüdischen Besitzern. Bei Kraus & Schober wurden "sämtliche jüdische Chefs ausgeschaltet" - so das SA-Organ "Arbeitersturm" - und der Betrieb bald als "national¬¬¬-sozialistische Betriebsgemeinschaft" weitergeführt. Das Kaufhaus wurde in weiterer Folge als offene Handels¬gesellschaft mit nationalsozialistischen Angestellten des Unternehmens als Gesellschaftern "arisiert". In Wirklichkeit war laut Gerichts¬erkenntnis Folgendes geschehen: "Die Gesellschafter der neu gegründeten Gesellschaft waren nur dem Namen nach Inhaber des Unternehmens. Tatsächlich war über das gesamte Vermögen und den größten Teil der Erträgnisse die NSDAP verfügungs¬berechtigt". Diese Form der "Arisierung" war untypisch. Meist waren die "Ariseure" nichtjüdische Privatpersonen aus der Wirtschaft oder aus dem Dunstkreis der Nationalsozialisten, die ihr persönliches Vermögen vermehrten. Bei Kauf- und Warenhäusern wurden in manchen Fällen jedoch atypische Entscheidungen getroffen. Das florierende Salzburger Warenhaus S. L. Schwarz beispielsweise, wurde, da dies dem Wunsch der Konkurrenz entsprach, in der bestehenden Form aufgelöst.

Walter Schwarz (1884-1938) kann als der weitsichtige Planer in der Unternehmerfamilie angesehen werden, er war für das Firmendesign verantwortlich. Zusammen mit seinen beiden Brüdern besaß er Anteile am Haus Domgasse 5 in Linz und verfügte dort über eine Wohnung, in der sich eine wertvolle Bildersammlung befand. Am Wochenende des 12./13. März 1938 drangen SA und SS gewaltsam in diese Wohnung ein, nahmen die Kunstsammlung mit, verhafteten Paul und Max Schwarz und überführten sie in das Konzentrationslager Dachau. Walter Schwarz wurde in Wien verhaftet, freigelassen, dann aber wieder festgenommen. Er kam im Gestapogefängnis in München am 1. September 1938 zu Tode, sein Vermögen wurde von der Gestapoleitstelle Linz eingezogen. Die Enteignung hatte für die Nationalsozialisten große symbolische Bedeutung: Der Hauptplatz war damals unter der Bezeichnung „Adolf-Hitler Platz“ der  zentrale Aufmarschplatz der „Führerstadt“ Linz, direkt vor dem Warenhaus Kraus & Schober gelegen. „Juden unerwünscht“ -Zettel klebten monatelang auf den Kaufhausfenstern, nationalsozialistische Parteigänger säumten stets die Fenster bei NS-Festen, das „entjudete“ Warenhaus diente als Kennzeichen der nationalsozialistischen Dominanz.  


Nach 1945

Das Warenhaus hatte 1945 bei und nach Kriegsende durch mehrmalige Plünderungen seine letzten Lagerbestände verloren. Erst im Herbst 1949 konnte das Haus dann als "Oberösterreichs größtes Warenhaus Kraus & Schober Ges.m.b.h." wiedereröffnet werden. Aus den Rückstellungsakten der Finanzlandesdirektion geht hervor, dass die Rückgabe nicht problemlos vor sich ging. Die Erben und Teileigentümer erhielten zwar in Hinblick auf die Rückstellung des Betriebes hundertprozentig Recht. Das Kaufhaus wurde umgehend rückgestellt, nicht aber jene 323.000 RM, die der Betrieb 1938 - 1941 der NSDAP und einer "Kultur- und Wohlfahrtsstiftung Oberdonau" an Spenden und Überweisungen zugewendet hatte. Bei dem rückgeforderten Betrag handelte es sich um eine erhebliche Summe, die dem Betrieb entzogen worden war.

In den fünfziger Jahren ist die Firmengruppe Schwarz von einem Verwandten, von Howard George Schein, geleitet worden. Diese Jahre stellten in der Geschichte des Hauses eine sehr erfolgreiche Phase dar, der Umsatz hatte sich bis 1960 mehr als verdoppelt. Mit dem Beschluss der Gesellschafter wurde der Familienbetrieb 1969 an das Versandhaus „Quelle“ verkauft. Mehr als ein Jahrzehnt wurde jedoch die Bezeichnung Kraus & Schober weiter verwendet. Anfang der achtziger Jahre firmierte das Unternehmen dann nur mehr als „Quelle“-Kaufhaus Linz  Nr. 04. Eine Institution, die hunderttausende Menschen aufgesucht hatten, wurde mit der Umbenennung zu Geschichte. Heute befindet sich in dem Gebäude eine Filiale der Kaufhauskette Woolworth.

Michael John, Univ. Prof. Dr., Institut für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Johannes Kepler Universität Linz